Bilderbuch - Magic Life
erhältlich ab
17.02.2017
Genre
  • Rock/Pop
  • Indie-Rock
Label
Maschin Records
Vertrieb
Virgin
Laufzeit
Redaktion
Eure Bewertung

Fuck you, Goehte

Vor zwei Jahren schaffte es ein österreichisches Popwunder - das nicht Wanda hieß - in sämtliche deutsche Feuilletons, in die deutschen Albumcharts (Platz 14) und in seriöse Nachrichtensendungen wie die "Tagesthemen". Was war passiert? Bilderbuch war ein außergewöhnlich grooviges und popverliebtes Album "Schick Schock" gelungen, das nicht nur internationalen R'n'B-Produktionsstandards genügte, sondern auch überaus innovativ mit dem Rhythmisieren der deutschen Sprache spielte. So etwas Verwegenes hatte man seit Falco nicht mehr gehört - auch wenn Bilderbuch musikalisch viel aufregender sind, als es der ewige Ösi-Weltstar je war. Auf seinem neuen Album "Magic Life" setzt das Wiener Quartett in Sachen Pop-Genialität nun sogar noch einen drauf.

Wenn in Deutschland Soul gesungen und produziert wird, orientieren sich die Protagonisten - große Namen wie Xavier Naidoo - vor allem an einer Retro-Idee des Genres, sozusagen dem Classic Soul. Insofern war es schon eine Art Revolution, dass ausgerechnet vier junge Österreicher 2015 ein Album produzierten, dass mehr nach den verrückt-digitalen Soul-Spielereien eines Kanye West und einer Beyoncé klang als nach den in Deutschland gepflegten Altmodellen.

Das Ganze wäre trotzdem nur etwas für Nerds und Musikexperten gewesen, würde die Band um den blondierten Sänger und Texter Maurice Ernst nicht dazu noch einen großen Popnerv treffen. Die größere Kreativ-Leistung von Bilderbuch besteht nämlich darin, in einem faszinierend assoziativen Mix aus deutschen und englischen Texten Bilder (!) zu malen, die man als wipp-groovender Hörer mehr in Bauch und Beinen denn im Kopf spürt.

Maurice Ernst, der mit seinen Bandkollegen bereits als Eleve einer Klosterschule zusammenspielte, konstatiert in Interviews, einer der wenigen deutschsprachigen Sänger zu sein, der sich nicht am geschriebenen Wort deutscher Dichter und Schriftgroßmeister orientiert. Er sei vielmehr von rhythmischer Soundmalerei beispielsweise einer Nina Simone beeinflusst - was die Österreicher in einen ganz eigenen Sound, eine ganz eigene Sprache überführen.

"Komm vorbei in meinem Bungalow, by the rivers of cash flow", singt Ernst in "Bungalow", einem Partysong, dessen Dicke-Hose-Attitüde sich wie auf vielen anderen Stücken auf "Magic Life" als brüchig erweist. Feierte "Schick Schock" den Hedonismus noch unverhohlen, werden nun Risse in Wohlstand und Wellness spürbar. "Magic Life" ist in Österreich auch der Name eines All-Inclusice-Reiseveranstalters. Einer, der seine Kunden gegen alle Unbill des Lebens abschottet und sie in Watte packt. Für Lautmaler-Poet Ernst eine Metapher für die Situation der von innen und außen bedrohten Festung Europa.

"Wann ist denn jetzt eigentlich der Urlaub zu Ende?", fragt er rhetorisch im Interview. "Oder haben wir ein Recht, da zu bleiben in einem Magic-Life-Club, ein Leben lang?" Die Attraktivität, aber auch die Abgründe des Kapitalismus finden sich in vielen Songs des neuen Bilderbuch-Albums "Magic Life" wieder, auch wenn die provokant fleischigen Worte stets in ein grooviges Soundgewand gekleidet sind. So sorgt sich der Protagonist im Opener "I 'Heart' Stress", ob er zu spät zu seiner Thai-Massage kommen oder sein Drink warm werden könnte.

Vielleicht muss man an dieser Stelle doch noch mal auf Falco zu sprechen kommen: Seit dem Wiener Provokateur hat wohl niemand solch aufreizenden Hedonismus in derart elegante Popmusik verwandelt. Musikalisch ist "Magic Life" gitarrenlastiger - im Sinne von Prince - und stärker an fließenden R'n'B-Arrangements denn an hart geschnittenem Pop der Marke "Maschin" orientiert - der ersten Hit-Single aus "Schick Schock". Der Eleganz und Atmosphäre von "Magic Life" tut dies sehr gut. Andere ambitionierte deutsche Alben werden sich 2017 an diesen zwölf Stücken in 38 Minuten von Bilderbuch messen lassen müssen. Die Latte in Sachen Pop und Kunst hängt verdammt hoch.

Eric Leimann
teleschau | der mediendienst

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