OK KID - Zwei
erhältlich ab
08.04.2016
Genre
  • Rock/Pop
  • Alternative Rock / Rap
Label
Four Music/Sony Music Domestic
Vertrieb
Sony Music
Laufzeit
Redaktion
Eure Bewertung

Kein Generations-Portrait

Namen für angebliche Generationen gibt es Hunderte, Vertreter dieser spröden Pauschalbegriffe noch mehr. Die nervigste Bezeichnung der letzten Jahre war "Generation Y". Was das genau ist, weiß keiner so genau. Jonas Schubert, Moritz Rech und Raffael "Raffi" Kühle von der Band OK Kid, die irgendwann aus Gießen fort ins große Köln zogen und damit begannen, Mittzwanziger-Großstadtprobleme zu besingen, sollten mit ihrem selbstbetitelten Debüt 2013 das Sprachrohr für diese Nicht-Generation mimen. Lust hatten sie darauf keine, aber da war nichts zu machen. Das zweite Album »Zwei« ist jetzt zumindest eine kleine Abkehr vom unfreiwilligen Generationssprachrohr-Dasein.

Pop ist ja immer eine freiwillige oder unfreiwillige Einordnung der aktuellen gesellschaftlichen Situation, und genau das passiert tatsächlich auf "Zwei". Das Album bildet ab, was man als gesellschaftlich integrierter, empathischer Mann Ende 20 mit etwas Hang zu Pathos und der gewissen Sensibilität für Details so denkt. Da geht es um den Gin-Rausch in der Bar unter der Woche, der zwar den nächsten Tag zur Qual werden lässt, aber für den Moment enthemmt. "Heute Abend macht das Leben wieder Gin", heißt es bei OK Kid. Danach geht es um die Sehnsucht nach der Liebe und der festen Verbundenheit. Die Suche nach der "Bank", die einem Halt gibt.

Verständlich, fast jeder Mensch arbeitet irgendwann auf diesen Zustand hin. Charakteristisch für eine bestimmte Generation aber, das muss sich bei "Zwei" auch der letzte Zweifler eingestehen, ist das nicht. Und mit Punk hat das auch nichts zu tun, was Rapper Jonas erzählt. Laut wird es zwar zusammen mit Die-Sterne-Sänger Frank Spilker, mehr aber nicht. Am Ende ist da nur eine Der-Kopf-ist-eine-U-Bahn-Station-Metapher, die hinkt.

Der große Bruch mit dem Erwartbaren passiert auf dem Album daher nicht, ein kleiner Einschnitt aber schon. Dann zum Beispiel, wenn seichte Synthesizer-Frickelei mit viel Melodie und Elektropoppigkeit einem bedrohlicheren Bum-Tschak weicht. Da besinnen sich die Drei als "5. Rad am Wagen" zurück auf ihre Hip-Hop-Wurzeln und werden dabei vom Rapper der Stunde Megaloh unterstützt. Ein anderer Ausreißer ist "Gute Menschen", das mit der ansonsten immer wieder subtil eingeworfenen Kritik am allgemeinen Sein aufkündigt und sie einem direkt ins Gesicht schmettert.

Es wird unangenehm, wenn sich OK Kid der Doppelmoral widmen, die aufkommt, wenn es um Flüchtlings- und Einwanderungspolitik oder die Andersartigkeit an sich geht. Blutspenden gehen die Besorgten, Kinder und den Döner vom Imbiss an der Hauptstraße lieben sie. Aber wenn das vermeintlich Fremde in ihren Mikrokosmos eindringt, dann schotten sie sich ab. Dann wehren sie sich sogar laut, einige am Ende mit Gewalt. Eine Abbildung der Realität ist "Gute Menschen" somit - der stärkste Titel des Albums. Er stimmt nachdenklich.

Ansonsten löst "Zwei" weniger Emotionen aus, überzeugt aber durch auf den Punkt gebrachte Erste-Welt-Probleme, die nun mal die deutsche Alltagsrealität darstellen. Die Detailverliebtheit bei Drums und Geräte-Spielereien von Raffi und Moritz sorgt für unterhaltsame Pop-Momente, der die meiste Zeit über Erholung bringt, ab und zu aber doch noch zu schocken weiß.

Johann Voigt
teleschau | der mediendienst

0 Kommentare

Wenn du dich anmeldest brauchst du deinen Namen nicht bei jedem Kommentar anzugeben.

Qmn