Johnny Marr: "Ich hasse diese Flagge"

Mon, 11 Mar 2013 16:05:00 GMT von

Als Gitarrist der britischen Band The Smiths wurde Johnny Marr in den Achtzigern zur Ikone der Musikwelt.

Bands wie Oasis, die Stone Roses und auch Radiohead bezeichneten sein Gitarrenspiel als maßgeblichen Einfluss. Nach der Auflösung von The Smiths im Jahr 1987 widmete Marr sich stets neuen Herausforderungen: Er spielte bei The The, arbeitete als Sessionmusiker und gründete 2000 seine eigene Band Johnny Marr and The Healers. Wenig später zog er nach Portland und trat den Indie-Rockern Modest Mouse bei, bevor er 2008 schließlich Mitglied der britischen Band The Cribs wurde. Mit "The Messenger" (VÖ: 01.03.) veröffentlicht der 49-Jährige nun sein erstes Soloalbum. Im Interview spricht er über seine Heimatstadt Manchester, seine Arbeiterklasse-Wurzeln, kulturelle Unterschiede zwischen Europa und den USA, falschen Heimatstolz - und natürlich über eine mögliche Reunion von The Smiths.

magistrix: Herr Marr, Sie sind jetzt 49. Ziemlich spät für ein Debütalbum, oder?

Johnny Marr: Ja, ich war beschäftigt ... Ich weiß nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist. Nein, im Ernst. Besser spät als nie, oder? Wenn ich 2006 nicht nach Portland gezogen wäre, um bei Modest Mouse zu spielen, hätte ich dieses Album vermutlich schon damals gemacht. Danach wurde ich Mitglied von The Cribs, und auch das hat unheimlich viel Spaß gemacht. Als wir 2010 zum Ende unserer letzten Tour kamen, musste ich mich entscheiden, ob ich weiter mit ihnen Musik mache, was wieder zwei oder drei Jahre Verpflichtungen bedeutet hätte. Ich hatte aber schon die Idee für dieses Album. Übrigens gar nicht als Soloplatte, ich hätte sie beinahe unter dem Namen Johnny Marr + The Healers veröffentlicht.

magistrix: Aber?

Marr: Als ich sie aufnahm, sagten eine Menge Leute in meinem Umfeld, denen ich vertraue, ich müsse sie unter meinem Namen veröffentlichten. Weil ich es sonst nie tun werde, und weil es einfach eine Johnny-Marr-Platte ist.

magistrix: Macht es denn einen Unterschied, was auf dem Cover steht?

Marr: Ja, es fühlt sich dieses Mal ernster an. Mehr wie ein Statement. Nicht unter Karriereaspekten, denn so denke ich nicht. Eher aus einer persönlichen Sicht. Was in diesen Songs gesagt wird, ist einzig und allein meine Meinung, die Konzepte der Songs sind ausschließlich meine. Ich liebe die Texte von den Bands, in denen ich über die Jahre spielte, aber da sie nicht von mir kamen, hatten sie oft nichts mit meinem Leben zu tun. Darin unterscheidet sich diese Platte, sie handelt von meiner Welt.

magistrix: Mussten Sie aus Ihrer Wahlheimat Portland ins verregnete England zurückkehren, um dieses Album zu machen?

Marr: Ja, ich musste nach England gehen, um es aufzunehmen. Fast aus Aberglauben. Ich will nicht, dass die Leute den Union Jack vor Augen haben, wenn sie an mein Album denken. Denn ich hasse diese Flagge. Aus vielen Gründen. Ich mag Nationalismus nicht, und auch aus Design-Aspekten gefällt sie mir nicht. Das habe ich in meiner ersten Kunst-Stunde gelernt, wie schlecht diese Flagge designt ist. Außerdem mag ich die Assoziationen nicht, die damit manchmal verbunden werden. Zum Teil, weil ich irische Wurzeln habe. Wobei ich die irische Flagge auch nicht mag, aber das ist eine andere Geschichte (lacht).

magistrix: Jetzt sagen Sie schon, warum zurück nach England?

Marr: Als ich noch in Portland lebte, wurde mir irgendwann bewusst, dass es gut für mich wäre, die Energie zu spüren, die mich inspiriert hat, als ich anfing, meine ersten Songs zu schreiben. Ich wollte wieder aufleben lassen, wer ich damals war. Ich hatte damals gerade die Schule verlassen und folgte Bands wie The Only Ones, The Psychedelic Furs und The Cramps. Das war eine großartige Zeit in meinem Leben. Und einige Songs auf "The Messenger" sind dem Sound von damals nicht unähnlich.

magistrix: "The Messenger" ist also ein Tribut an Ihre Jugend?

Marr: Ja, das ist es. Die Songs sind inspiriert von Dingen, die ich zwischen 15 und 18 lernte. Als ich The Smiths gründete. Dinge, die ich heute noch so sehe.

magistrix: Zum Beispiel?

Marr: Zum Beispiel, dass wir eine Zielscheibe für aggressive Marketingfirmen sind, die wollen, dass wir ihren Scheiß kaufen, obwohl wir ihn nicht brauchen. Das habe ich damals nicht getan, und heute auch nicht. Eine andere Sache ist, dass ich die Energie und Geschichten in Städten immer mochte. Manche Leute finden ihren Ausgleich in der Natur, ich ziehe meine Energie aus der Stadt.

magistrix: Geht es darum in dem Stück "European Me"?

Marr: Auch. Die Tatsache, dass ich lange in Portland lebte, führte dazu, dass ich Europa sehe, wie viele intelligente Amerikaner es tun. Europa hat so eine starke, moderne, kreative Kultur. Picasso, Salvador Dalí, Jean-Paul Sartre, Friedrich Schiller und so weiter und so weiter. In Deutschland Bauhaus, Sturm und Drang, all die großen Philosophen. Wir Europäer vergessen das zum Teil, weil wir so sehr nach Amerika blicken. Und gerade in England, hier auf dieser kleinen Insel, wird außerdem oft vergessen, dass auch wir zu Europa gehören. Daran wollte ich meine Landsmänner erinnern.

magistrix: Sie selbst sind in Manchester aufgewachsen, eine klassische Arbeiterstadt, die zu Zeiten von The Smith aber plötzlich so etwas wie die Musikhauptstadt der Welt wurde. Was bedeutet Ihnen die Stadt?

Marr: Ich wusste schon damals, dass es sowohl gut ist, von dort zu entkommen, als auch zurückzukehren. Das Schöne am Wiederkommen und der Grund für eine Art Zugehörigkeitsgefühl sind diese starken Arbeiterklassen-Wurzeln. Aber genau das ist es eben auch, warum man als junger Mensch die Schnauze davon voll hat. Denn niemand mag es, wenn er entmutigt wird davon zu träumen, die sozialen Grenzen eines Tages zu überschreiten. Andererseits: Ich weiß noch, wie ich einmal über die Red Rocks bei Denver geflogen bin, ich war 19 oder 20. Vor The Smiths war ich noch nie in einem Flugzeug gewesen. Der Blick war unglaublich, wir waren auf dem Weg zu einem großen Stadion-Konzert. Aber ich war so erschöpft von all den Erlebnissen auf Tour, dass ich mir wünschte, ich wäre wieder an der Bushaltestelle, an der ich als Kind immer stand und davon träumte, eines Tages in einer Band zu spielen. Das war ziemlich komisch.

magistrix: Wenn Sie heute zurückblicken, war es eine Last oder ein Segen, ein Teil von The Smiths gewesen zu sein?

Marr: Ach wissen sie ... Ich finde, es würde so undankbar wirken, wenn ich das je beklagen würde. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, als ich ein junger Musiker war und versuchte, auf mich aufmerksam zu machen und einen Plattenvertrag zu bekommen ... Wenn ich damals einen Rockstar gehört hätte, der sich darüber beschwert, was für eine Last es sei, in einer Band gespielt zu haben, die die Leute wirklich geliebt haben, hätte ich gedacht: Was für ein Idiot! Dieser Typ will ich auf keinen Fall sein! (lacht) Ich hatte echt Glück. Ich meine klar, man will auch, dass die Leute sich daran erinnern, dass man gute Platten mit Modest Mouse gemacht und tolle Konzerte mit The Cribs gespielt hat. Aber ich denke, viele wissen das auch. Und The Smiths war nun mal mein Baby, ich habe die Band gegründet.

magistrix: Viele Bands aus der damaligen Zeit haben sich jüngst wiedervereinigt, zum Beispiel die Stone Roses. Was halten Sie davon?

Marr: Das ist eine schwere Frage. Die Hälfte von mir, die weiß, dass das was ich tue, Kunst ist, denkt dass eine Wiedervereinigung ohne einen Schritt nach vorne keine gute Idee ist. Aber die andere Hälfte von mir, die weiß, dass das alles auch Entertainment ist, sieht den Wert darin, wenn 30.000 Menschen auf einer Wiese stehen und einen guten Abend haben. Es scheint mir zu kaltherzig, andere dafür zu kritisieren, dass sie Leute glücklich machen.

magistrix: Mal rein hypothetisch, und weil "The Messanger" schließlich Ihre Jugend Revue passieren lässt: Haben Sie selbst manchmal Sehnsucht nach der Zeit mit The Smiths?

Marr: Nein, ich habe die Zeit mit The Smiths so intensiv erlebt, dass da kein Raum ist, um noch mehr zu erleben. Wow, das habe ich ziemlich treffend ausgedrückt, das sollte ich mir merken!

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