Echo 2013: Keine Liebe zur Musik

Thu, 14 Mar 2013 12:14:00 GMT von

Die Zahlen stimmen wieder. 2012 wuchsen die weltweiten Umsätze im Musikgeschäft. Zwar nur langsam, aber nach Jahren der Krise immerhin.

Und hierzulande? "Insgesamt scheint sich die Lage am deutschen Musikmarkt etwas zu entspannen. Zwar ist noch kein Wachstum in Sicht, zum zweiten Mal in Folge steuern wir aber einen ausgeglichenen Markt an", stellt Professor Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie, in einem Grußwort zur Echo-Verleihung fest. Denn das digitale Geschäft kompensiert mehr und mehr die Ausfälle aus dem physischen Tonträgerverkauf: Im vergangenen Jahr wurden hierzulande erstmals über 100 Millionen legale Downloads getätigt. Streamingdienste und Aboangebote werden für die Musikindustrie immer lukrativer. Auch die Renaissance des einst totgesagten Vinyls geht weiter. Musik ist (dem Konsumenten) wieder etwas wert. Aber sind Verkaufszahlen alles? Es ist eine Frage, die sich angesichts der anstehenden Echo-Verleihung am Donnerstag, 21. März (ab 20.15 Uhr live im Ersten) und der peinlichen Posse um die Nominierung der Band Frei.Wild mehr denn je stellt.

Freund oder Feind?

Vertritt die Rockband aus Südtirol mit Songs wie "Wahre Werte" ein nationalistisches Weltbild oder sind Frei.Wild einfach "nur" konservativ und patriotisch? Zieht die Band bei ihren Konzerten ein rechtsextremes Publikum an oder ist sie in Wirklichkeit "Feindbild Nummer 1" in Nazi-Kreisen, wie Sänger Philipp Burger, selbst ein Aussteiger aus der Szene, gegenüber "Bild" behauptet?

Hitzige Diskussion

Das sind Fragen, die offen und hitzig diskutiert wurden. Und die zu einer ungewöhnlichen Reaktion von Seiten des "Bundesverbands Musikindustrie" führten: "Um zu verhindern, dass der Echo zum Schauplatz einer öffentlichen Debatte um das Thema der politischen Gesinnung wird, hat sich der Vorstand nach intensiven Diskussionen dazu entschlossen, in die Regularien des Preises einzugreifen und die Band Frei.Wild von der Liste der Nominierten zu nehmen", so eine Pressemitteilung.

Nominierung durch Umsatz

Eine richtige Entscheidung? Man kann verstehen, dass Kraftklub und MIA. die Band strikt ablehnen, nicht gemeinsam mit Frei.Wild in der Kategorie "Rock/Alternativ national" genannt werden wollen. Man kann aber auch zu Recht auf die Regeln pochen, nach denen Frei.Wild die Echo-Nominierung durch ihre Verkaufszahlen verdient gehabt hätten - übrigens bereits zum zweiten Mal, 2011 stand die Band schon einmal auf der Vorschlagsliste. Aber angesichts der Vorgänge stellt sich ohnehin eine übergeordnete Frage: Nach welchen Kriterien sollte der "Deutsche Musikpreis" vergeben werden?

Gut ist, was sich verkauft

Die Antwort der "Deutschen Phono-Akademie", Kulturinstitut des "Bundesverbandes Musikindustrie", ist eindeutig: Mit dem Echo werden "jährlich die herausragenden und erfolgreichsten Leistungen nationaler und internationaler Musik-Künstler" ausgezeichnet. Man kann es polemisch auch kürzer fassen: Gut ist, was sich verkauft. Und das ist ein Armutszeugnis für den Echo, der sich laut den Veranstaltern selbst als "einen der wichtigsten Musikpreise" der Welt versteht.

Abstimmungsregeln anderer Awards

Zum Vergleich: Bei den Grammys entscheiden über 6.000 Mitglieder der "National Academy of Recording Arts and Sciences" (NARAS) nicht nur über Preisträger, sondern auch über die Nominierungen. Ähnlich das Prozedere bei den Brit Awards: Auch hier darf jedes Mitglied der "Voting Academy" in jeder Kategorie fünf Stimmen abgeben, um festzulegen, wer für den Musikpreis vorgeschlagen werden soll. Natürlich ergeben sich so oft genug Entscheidungen, die als kleinster gemeinsamer Nenner angesehen werden können und sich - unausgesprochen - an Verkaufserfolgen orientierten. Aber eben nicht immer. Und eine Band wie Frei.Wild wäre auf den Nominierungslisten der beiden Musikpreise völlig undenkbar.

Werden die Regeln überarbeitet?

Führt der Fall der Südtiroler Band nun zu einem Umdenken? Auf den ersten Blick scheint es fast so. Der "Bundesverband Musikindustrie" kündigte an, eine "Anpassung dieser Regularien anzugehen, was wir mit Blick auf den aktuellen Fall nun weiter forcieren werden". Schon bald will man die Nominierungskriterien überarbeiten, konkrete Maßnahmen werden aber noch beraten. Am Grundproblem der "Echo"-Verleihung - so darf prophezeit werden - wird sich dennoch nichts ändern. Denn auch wenn die eigentlich maßgebliche Jury zukünftig nicht nur über die Vergabe des Preises entscheiden sollte: Die Verkaufszahlen werden weiterhin das entscheidende Kriterium bleiben.

Prämierung des Erfolges

Schließlich werden beim "Echo" ausdrücklich nicht - wie bei den Grammys - die besten, sondern die erfolgreichsten Alben, Künstler und Bands prämiert. Folglich reicht ein Blick in die Jahrescharts - auch wenn der Abrechnungszeitraum für den "Echo" sich nicht ganz überschneidet (24. Februar 2012 bis 21. Februar 2013) -, um die Gewinner in den einzelnen Kategorien vorauszusagen. Album und Band des Jahres: Die Toten Hosen mit "Ballast der Republik". Künstlerin Rock/Pop und Newcomerin International: Lana Del Rey. Newcomer National und Volkstümliche Musik: Santiano. Überraschungen? Fehlanzeige.

Preisvergabe mit zweifelhaftem Hintergrund

Wohlgemerkt: Diese Künstler haben es verdient, für ihre musikalischen Leistungen ausgezeichnet zu werden. Aber den Verkaufserfolg als einziges Kriterium ansehen? Das ist ungefähr so, als ob man bei den "Oscars" nur die Filme mit den höchsten Zuschauerzahlen auszeichnen würde. Daraus spricht eine Haltung, die Musik zur Verkaufsware degradiert und künstlerischen Anspruch negiert. Aber das scheint die Musikindustrie nicht zu stören. Denn die Zahlen stimmen ja wieder.

teleschau | der mediendienst



1 Kommentare

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20. März, 22:21 Uhr
von Reinhard

Dann würde bei diesem Preis von Mia und Kraftklub auch nicht mehr gesprochen werden. Der Echo ist ein Musikpreis und kein politischer.

Qmn