Westbam: "Ich bin eigentlich kein Nachtmensch"

Tue, 23 Apr 2013 16:28:00 GMT von

Er ist der Pate der deutschen Techno-Szene: Seit Maximilian Lenz alias Westbam 1983 begann, in seiner Heimatstadt Münster als DJ aufzutreten, zählt er zu den wichtigsten Figuren der elektronischen Tanzmusik.

Vor allem die von ihm initiierten und veranstalteten "Mayday"-Partys trugen zum weltumspannenden Siegeszug der Techno-Szene bei. Pünktlich zu seinem 30-jährigen Jubiläum als DJ veröffentlicht der 48-Jährige nun sein neues Album "Götterstrasse". Im Interview spricht Westbam über die Faszination der Nacht, seine erste Ecstasy-Pille und das bewusste Ignorieren der biologischen Grenzen des Alters.

magistrix: Für Ihr neues Album "Götterstrasse" konnten Sie eine beeindruckende Schar an Gästen gewinnen: Iggy Pop, Kanye West, Inga Humpe ... Gab es einen Künstler, dessen Dabeisein Ihnen am wichtigsten war?

Westbam: Jeder Act ist aus einem bestimmten Grund auf der Platte. Aber am meisten freue ich mich über das Feature von Iggy Pop. Der ist ein Held meiner frühesten Jugend, eine Ikone. Sein Song "I Wanna Be Your Dog" von 1969 ist für mich persönlich der beste Rock'n'Roll-Song aller Zeiten.

magistrix: War es schwierig, ihn zum Mitmachen zu bewegen?

Westbam: Überhaupt nicht. Ich schickte ihm den Track und kurze Zeit später ließ er ausrichten, er findet's geil und ist dabei. Bei den HipHoppern war das viel komplizierter. Aber gut: Die haben heute eine ganz andere Wirkungsmacht und greifen sich im Vorbeilatschen allein in Deutschland mal eben 1,5 Millionen Facebook-Freunde ab. Rapper sind die Weltpoeten unserer Zeit. Da kann man sich schon freuen, wenn ein paar Rap-Krümel vom Tisch runterfallen und bei dir auf dem Plattenteller landen.

magistrix: "Götterstrasse" wurde als eine "vielstimmige Ode an die Nacht" angekündigt. Liegt Ihnen die Nacht tatsächlich mehr am Herzen als der Tag?

Westbam: Nein, nicht mehr. Klar, früher habe ich die Nächte durchgeravet, aber im Laufe der Zeit stellte ich fest, dass ich eigentlich gar kein Nachtmensch bin. Wenn ich meinem eigenen Bio-Rhythmus folge, gehe ich recht früh ins Bett. Bei Iggy Pop ist es übrigens ähnlich: Wenn der nicht gerade auf Tour ist, geht er nach 22 Uhr gar nicht mehr aus dem Haus.

magistrix: Trotzdem besitzt die Nacht eine Faszination ...

Westbam: Natürlich! Diese Faszination spürte ich schon als 14-Jähriger. Denn was in der Nacht passiert, die Leute, die man trifft, die Atmosphäre, die Musik - das gibt es tagsüber nicht. Man muss sich zwar wach halten, aber dafür ist das, was dann passiert, umso besonderer. Und in meinem Fall war das wahnsinnig prägend.

magistrix: Rap, Rock, Elektro - sämtliche Musikgenres gelten gemeinhin als Jugendkulturen. Haben Sie manchmal das Gefühl, mit 48 bereits zu weit von Ihrer Zielgruppe entfernt zu sein?

Westbam: Die Schere geht jedenfalls immer weiter auseinander, denn das Publikum des Nachtlebens ist immer um die 20. Und das wird sich auch nie ändern. Ich sehe im Nachtleben allerdings nie mich selbst, sondern immer nur die anderen, sprich: Um mich herum sind immer alle gleich alt geblieben. Als es aber irgendwann anfing, dass ich gesiezt wurde, habe ich gemerkt: Die Zeiten ändern sich.

magistrix: Eine Ihrer Platten von 1997 heißt "We'll Never Stop Living This Way". Werden Sie irgendwann einsehen müssen, dass dieses "never" endlich ist?

Westbam: Dieses Statement war bereits damals völlig haltlos, das war trotzig gemeint. Das war ein bewusstes Ignorieren biologischer Grenzen, denen ich zumindest mit meinen Statements die Stirn bieten wollte. Den Spruch habe ich übrigens von einem japanischen Disco-Betreiber übernommen, der damals bereits weit über 50 war. Seine Mutter hatte ihm immer vorgebetet, dass er eines Tages aufhören würde, so zu leben. Aber er meinte bloß: "We'll never stop living this way."

magistrix: 1984 schrieben Sie im Frankfurter Avantgarde-Blatt "Der Neger", dass die neue elektronische Musik von DJs erschaffen wird - und sollten damit Recht behalten ...

Westbam: Ja - obwohl das damals niemand für möglich hielt. Zu der Zeit hätte man eher gedacht, dass Acts wie Fad Gadget oderDepeche Mode die Richtung der elektronischen Musik vorgeben.

magistrix: Waren Sie sich denn dessen denn sicher oder war da der Wunsch Vater des Gedanken?

Westbam: Natürlich habe ich mich da als eine Art als Politiker hingestellt und versucht, die Leute von meiner Agenda zu überzeugen. Doch das Potenzial sah ich damals schon. Interessanterweise sollte ich 1989, also fünf Jahre später, einen Text über die Musik der 80er-Jahre für das "Tempo"-Magazin verfassen. In diesem Text schrieb ich, dass die DJ-Kultur den Beginn einer neuen Ära darstellt - und das wollten die partout nicht abdrucken. Die haben das für hanebüchenen Unsinn gehalten.

magistrix: Sie sagten mal über Ihre Anfänge, "Die Energie, die Subkultur, das Hardcore-Ding, das Martialische - das war krass." Wie viel ist in Ihren Augen heute noch davon übrig?

Westbam: Eigentlich ist erstaunlich wenig davon verlorengegangen. Viele sagen ja, früher war es Underground, heute sei es Mainstream. Aber die Wahrheit ist, dass sich sowohl Sub- als auch Popkultur weiterentwickelt haben. Wenn die älteren Leute heute voller Nostalgie behaupten, dass es heute keine Underground-Clubs mehr gibt, dann ist das falsch. Die älteren Leute bekommen davon bloß nichts mehr mit. Das Schöne, gerade an Berlin, ist aber, dass man auch heute noch über irgendwelche rostigen Leitern in einen feuchten Keller gelangen kann, in dem obskure 150 Leute zu der abgefahrensten Musik abgehen. Es gibt immer ein paar durchgeknallte Kids, die sich irgendwo ein schmutziges Kellerloch suchen, in dem dann genau der gleiche Scheiß abgeht wie damals. Und das ist toll.

magistrix: Wenn eine Subkultur plötzlich groß wird, gibt es immer auch Leute, die fürchten, ihre Nische an den Mainstream zu verlieren. Hatten Sie diese Ängste damals auch?

Westbam: Eigentlich nicht. Ich fand es immer toll, wenn etwas aus unserer Ecke die Populärkultur beeinflusst hat - solange es nicht total berechnend daherkam. Als damals Rave aufkam, war das ein Moment der totalen Irritation für die gesamte Popkultur: Die Sänger hatten plötzlich Angst, sie müssten jetzt alle wie Micky Maus klingen und die Konzertveranstalter haben befürchtet, Raves würden ihnen ihre Geschäftsgrundlage rauben. Wir haben anarchistische Irritationsmomente in die Popkultur getragen und einem ganzen Jahrzehnt damit unseren Stempel aufgedrückt.

magistrix: Registrieren Sie denn heute noch bahnbrechende Neuerungen in der elektronischen Tanzmusik?

Westbam: Sagen wir so: Elektronische Tanzmusik ist letztlich immer dasselbe. Als die ersten Menschen damals im Takt auf einen hohlen Baum gehauen haben und dazu rumgesprungen sind, war das letztlich nichts anderes als es das heute ist. Aber es gibt eben immer eine Generation, die diese Faszination neu für sich entdeckt. Was mich nach wie vor flasht, ist daher gar nicht so sehr der innovative Moment der Musik, sondern die unaufhörliche Euphorie.

magistrix: Sie erzählten mal, dass man Ihnen bereits 1982 die erste Ecstasy-Pille angeboten hätte. Wie wichtig waren Drogen für die Entwicklung der Techno-Szene?

Westbam: Da ein Großteil der Wurzeln von Techno in Detroit liegen und dort alles recht drogenfrei ablief, spielten Drogen für die Entwicklung der Soundästhetik in meinen Augen keine große Rolle. Für das Publikum und den Vibe mag das anders gewesen sein. In Deutschland hatte der Fall der Mauer aber einen sehr viel größeren Einfluss auf die Szene als Ecstasy. Der Mauerfall und das damit einhergehende Gefühl der Befreiung und des Aufbruchs hat Techno in den 90er Jahren vorangetrieben.

magistrix: Stimmt es, dass Sie die besagte erste Pille von 1982 ablehnten?

Westbam: Ja. Mich reizte das schon, aber die Pille sollte damals 60 DM kosten - das war mir als westfälischem Pfennigfuchser viel zu teuer.

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