Mick Jagger: Im Gleichgewicht

Fri, 19 Jul 2013 13:11:38 GMT von

Er hält das Gleichgewicht - und die Band am Leben. Denn bei Live-Konzerten der Rolling Stones sind die Aufgaben klar verteilt:

Keith Richards geht leicht in die Hocke und lässt seinen Arm manchmal kreiseln, Ronnie Wood bleibt ganz cool an seinem Instrument kleben, und Charlie Watts bedient scheinbar unbeeindruckt sein Schlagzeug. Mick Jagger hingegen ist stets der krasse Gegenpol zu seinen gemütlich performenden Kollegen und bleibt unangefochten die treibende Kraft im Vordergrund. Sein Bewegungsdrang ist legendär, seine Physis scheint unverwundbar zu sein. Und egal, ob man ihn als lüsternen Gockel sieht, ihn als alternden Rock-Zampano mit jugendlichem Hüftschwung bezeichnet oder als nie ermüdende Gesangs-Maschine bewundert: Ohne Mick Jaggers Präsenz wäre aus den Stones vielleicht nur eine Rockband unter vielen geworden - und nicht die größte Rockband der Welt, deren Siegeszug vor 50 Jahren begann. Am 26. Juli wird der nimmermüde Performer, der 1943 im beschaulichen Dartford nahe London geboren wurde, unglaubliche 70 Jahre alt.

Bloss keine Autobiografie

Im Laufe der Jahre hat Sir Michael Philip Jagger, der vor zehn Jahren von Prince Charles zum Ritter geschlagen wurde, seine komplexe Persönlichkeit häppchenweise offeriert, ohne dabei zu viel von sich preiszugeben. Auf die Frage, ob er plane, eine Autobiografie zu schreiben, antwortete er einst in einem Interview: "So etwas ist recht deprimierend und schadet einem nur. Es ist schlecht für die Psyche, über die Vergangenheit zu erzählen."

Keith veräppelte Micks bestes Stück

Vielleicht auch eine Reaktion auf die Autobiografie seines Bandkollegen Richards, der sich in "Life" über das beste Stück von Jagger lustig gemacht hatte. Vielleicht aber auch eine bewusste Entscheidung, um die mysteriöse Rockstar-Aura, die er als Frontmann der Stones ausstrahlt, nicht anzutasten. Wie auch immer: Jagger blickt nicht gern zurück. Über ihn reden andere ohnehin genug. Seine Ex-Frau, Modell und Schauspielerin Jerry Hall, beschrieb in als "hohle Hyperbel", durch dessen Spiegeltür die Menge ihre Fantasien auslebe. Man sehe in ihm nur die Person, die man gern sein möchte. Etwas pragmatischer formuliert sein Ex-Stones-Kollege Bill Wyman diesen Umstand treffend mit dem Satz: "Mick is a interesting bunch of blokes".

Ein bunter Typ

Jagger - ein bunter Strauß aus interessanten Charakteren, einerseits kaum greifbar, andererseits vielseitig interessiert und offentlichkeitswirksam präsent: Er gilt als Kunst-Liebhaber, ist Ehrenpräsident der University Of London, begeisterter Cricket- und Fußballanhänger. Jagger ist zudem der kluge Geschäftsmann unter den Stones. Als Richards und Ex-Stones-Gitarrist Brian Jones 1961 schon Pläne zur Gründung einer Band schmiedeten, besuchte er noch Kurse der "London School Of Economics". Er sei es auch gewesen, so die US-Autorin Debra Sharon Davis in ihrem Buch "Backstage Pass VIP", der in den 70er-Jahren hartnäckig mit Prostituierten verhandelte - um möglichst wenig für Sex bezahlen zu müssen.

Sexiest Beast alive

Auch das ist Jagger: der nimmersatte Charmeur und Sex-Abenteurer, der nicht nur unzählige Frauen, sondern auch Kollegen wie David Bowie verführt haben soll. Zweimal war Jagger verheiratet, er hat sieben Kinder von vier Frauen und ist inzwischen vierfacher Großvater. Und dennoch schafft er es, das Gleichgewicht zwischen all diesen Persönlichkeiten zu halten: Seit Jahren ist er Anhänger des Buddhismus und meditiert nach eigener Aussage täglich.

Ausflug ins Drama

Jenseits seiner Band suchte Jagger stets den künstlerischen Ausgleich. Bereits 1970 debütierte er als Schauspieler in dem damals gefeierten Szene-Drama "Performance", für das Jagger auch den experimentellen Soundtrack in Kollaboration unter anderem mit Ry Cooder und Randy Newman lieferte. Im Science-Fiction Streifen "Freejack" mimte er 1992 einen Söldner, in dem von ihm produzierten Kriegs-Thriller "Enigma" hatte er 2001 einen Cameo-Auftritt.

Große Liebe

Seine große Liebe gehörte jedoch immer der Musik - jeglicher Art: "Ich höre Easy Listening, Klassik, alte Blues-Sachen, die ich früher schon gut fand", erklärte Jagger in einem Interview. "Und dann gibt es aber auch wieder Hardrock-Momente und die Phasen, in denen man sich auf den neuesten Stand bringen möchte. Ich habe ein breit gefächertes musikalisches Interesse." Jenes lebt er selbstbewusst als Solist aus - oft bewusst vom Stil und Habitus der Rolling Stones entfernt.

Soloalben

Und Jaggers Alben verkauften sich gut, wenn auch nicht in dem Maße wie bei den Stones. Ein nettes Zubrot und Balsam für das große Ego des Künstlers waren sie allemal. Prinzipiell tobte sich Jagger auf den Longplayern aus, suchte den Ausgleich, frei von kommerziellen Erwartungen. "She's The Boss" taufte er 1985 augenzwinkernd sein Debüt. Chic-Mastermind Nile Rodgers, Gitarren-Magier Jeff Beck und die Rhythmus-Zwillinge Sly & Robbie sorgten für einen damals ultrahippen Sound, der Beginn einer musikalischen Parallel-Karriere war für Jagger perfekt gewählt, denn die Stones waren ja bereits ganz oben angekommen.

Wandering Spirit

1993 dann der vorläufige Höhepunkt seiner Solo-Karriere: Unter der Ägide von Produzent Rick Rubin entstand "Wandering Spirit", das zwischen Folk, Soul und Groove weitgefächert war. Ähnlich experimentierfreudig zeigte sich Jagger auch zuletzt: 2011 machte er mit seinem alten Weggefährten Dave Stewart und Soul-Rock-Röhre Joss Stone unter dem Namen SuperHeavy auf sich aufmerksam, auf deren Debüt stilmäßig so ziemlich alles ging.

Der Trick der Balance

Doch die alles entscheidende Frage bleibt: Wie geht das alles? Wie schafft er es, auch auf der vor Kurzem vorerst zu Ende gegangenen "50 & Counting"-Tournee so fit zu wirken? In einem seinen raren Interviews verriet er dem "Q"-Magazin sein Fitnessprogramm: Zehn Kilometer Laufen, Schwimmen, Kickboxen, Radfahren. Dazu Yoga und Pilates. "Ich trainiere fünf oder sechs Tage die Woche, aber nicht so verrückt", räumt Jagger ein. Für die Standfestigkeit auf der Bühne mache er zudem Ballett-Übungen. Und so schafft er es, das Gleichgewicht immer noch zu halten. Wahrscheinlich auch in den nächsten Jahrzehnten noch.

teleschau | der mediendienst



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