2raumwohnung: "Unsere Musik soll Geschmacksverstärker sein"

Mon, 09 Sep 2013 09:09:39 GMT von

Inga Humpe und Tommi Eckart machen als 2raumwohnung seit mehr als einem Jahrzehnt Musik, die entspannt und gleichzeitig euphorisiert.

Auch das neue Album des Berliner Electro-Pop-Duos, "Achtung fertig", das zum Großteil unter der Sonne Kaliforniens entstand, soll beides können. Im Interview spricht Humpe über ihre Zeit in Los Angeles, ihre Arbeit in der Traumfabrik, die Berliner Subkultur als Gegenpol, und warum sie gerne zurück auf die 90er Jahre blickt, aber doch lieber nicht nostalgisch ist.

magistrix: Auf dem neuen 2raumwohnung-Abum singen Sie einmal: "Unsere Straße heißt raus!" Wofür steht dieser Satz für Sie persönlich?

Inga Humpe: Er beschreibt vor allem den Aspekt, dass wir für dieses Album aus unseren Gewohnheiten raus wollten.

magistrix: Nämlich welche?

Humpe: Unsere Arbeitsweise. Wir haben immer zu zweit gearbeitet, nur selten jemanden dazu geholt. Das wollten wir ändern.

magistrix: Wie gingen Sie dabei vor?

Humpe: Zunächst mal sind wir in die Fremde gegangen und haben dort mit Leuten, die wir nicht kannten, ziemlich schnell und gut gearbeitet.

magistrix: Mit welchem Ziel?

Humpe: Mehr Inspirationen zu finden. Man baut sich als Künstler ja immer so kleine Gitter auf - kleine Gefängnisse - und sieht von innen irgendwann das Tor nach draußen nicht mehr. Wir wollten mal alles ganz anders sehen, und deshalb mussten wir weg ...

magistrix: ... genauer: nach Kalifornien. Warum gerade dorthin?

Humpe: Wir fingen mit den Arbeiten am Album in Berlin an, wo es nur langsam voran ging. Da wir für die Arbeit am zweiten Album ja schon in Holland, Belgien, Frankreich und auf Ibiza waren, wollten wir nicht wieder dorthin zurück, uns nicht wiederholen. Und dann kamen wir auf Kalifornien.

magistrix: Sie verbrachten viel Zeit in Los Angeles. Wie muss man sich Ihren Aufenthalt dort vorstellen? Lockeres Leben mit Dauerpartys am Strand?

Humpe: (lacht) Es war eigentlich genau das Gegenteil. Wir arbeiteten hauptsächlich. Wir hatten jeden Tag drei bis vier Schreibsessions mit unterschiedlichen Musikern und Autoren. Arbeit war dort wirklich alles für uns.

magistrix: Das heißt, die Inspiration für die Arbeit am neuen Album war ... Arbeit?

Humpe: Vor allem waren es die verschiedenen Autoren, mit denen wir arbeiteten, die uns inspirierten.

magistrix: L.A. gilt als Stadt der Träumer. Zählten Sie sich auch dazu?

Humpe: Zumindest spürten wir, dass dort viel geträumt wird. Und es werden dort auch viele Träume verwirklicht. Überall schwirren unheimlich viele Ideen herum, an denen wiederum unheimlich viele Leute arbeiten. Alle wollen mit ihrem Projekt einen Hit landen, und vielen gelingt das auch.

magistrix: Ganz anders als zu Hause - in Berlin ...

Humpe: Stimmt. Dort gibt es diese große Subkultur, es wird viel in Cafés rumgesessen und genauso viel gefeiert. So was gibt es gar nicht in Los Angeles. Berlin und L.A. - das sind absolute Gegensätze.

magistrix: Und der typische 2raumwohnung-Sound? Den kennt man in Berlin, wie kam er in L.A. an?

Humpe: Wir haben erlebt, als wir in der City in Modeläden und Restaurants unterwegs waren, dass dort unsere Musik gespielt wurde. Das zeigt, dass dieser Sound auch in L.A. als interessant empfunden wird.

magistrix: Mit diesem Sound und den 2raumwohnung-Texten, das betonen Sie immer wieder, wollten Sie von Beginn an auflockern, vereinfachen. Was wollen Sie speziell mit diesem Album erreichen?

Humpe: Erleben, fühlen, spüren - darum geht es uns, dazu wollen wir anregen. Unsere Musik soll ein Gefühlsverstärker sein. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der wir ständig zu unseren Zielen rasen müssen. Dabei geht uns viel Empfindung verloren. Mit 2raumwohnung ist es auch jetzt wieder unser Ziel, mehr im Moment zu sein.

magistrix: Gibt es auch ein typisches 2raumwohnung-Gefühl, das Ihnen immer schwerer fällt, zu transportieren?

Humpe: Vielleicht dieses ganz euphorische "Kreisch! Ist das alles toll!"-Gefühl. Dieses unbändige erste Mal - das kann man nicht wiederholen. Jetzt gibt es eher ein tiefes melancholisches Bewusstsein für die Schönheit der Momente.

magistrix: Blicken Sie denn oft und gerne auf die ganz euphorischen Momente zurück? Die 90-er etwa? Die ganz wilden Jahre?

Humpe: Wenn ich mir ältere Lieder von uns anhöre, denke ich schon gerne an diese unbeschwerte 90er-Jahre-Club-Zeit zurück. Eine freche Zeit war das, in der alles irgendwie offen war. Wir dachten damals ja tatsächlich, der Weltfrieden würde bald ausbrechen.

magistrix: Wünschen Sie sich manchmal ein bisschen von dem damaligen Lebensgefühl ins Hier und Jetzt?

Humpe: Ich bin keine Nostalgikerin, blicke lieber nach vorn. Ich habe auch so viel mit dem Hier und Jetzt zu tun und den Möglichkeiten, die ich heute habe, dass ich gar nicht so oft zurückblicken kann.

magistrix: Wie finden Sie es denn, dass Musiker, die die 80-er und 90-er nicht selbst miterlebt haben, sie jetzt trotzdem in ihrer Musik verarbeiten - weil es eben gerade angesagt ist?

Humpe: Ach, das war ja schon immer so, dass Musiker gerne zwei Generationen bei dem, was sie machten, zurückgingen. Ich fand in den 70-ern auch die 40-er und 50-er toll. Manches entdeckt man eben erst im Nachhinein, das ist heute nicht anders.

magistrix: Und wenn Sie das heutige deutsche Pop-Radio einschalten? Gefällt Ihnen das Programm?

Humpe: In Berlin sind wir ja recht privilegiert, mit Sendern wie "Radioeins" und "Fritz", also Programmen, die das Formatradio nicht wirklich spielen.

magistrix: Und wo sehen Sie sich selbst im derzeitigen Pop-Geschäft? Ist Ihr Satz "unsere Straße heißt raus" auch so zu verstehen, dass Sie immer anders sein wollen als der Mainstream?

Humpe: Ich singe ja auch die Zeile: "Unser Himmel ist hoch." Wir waren mit 2raumwohnung immer in Aufbruchstimmung und sind es auch jetzt. Wir wollen immer Neuland, immer unbefestigte Ufer und immer wieder dort schippern und fischen, wo noch nichts so richtig kategorisiert ist. Unser Sound ist zwar nicht immer anders. Aber er ist eigen.

2raumwohnung auf Deutschland-Tournee:

26.10., Frankfurt, Gibson

27.10., München, Muffathalle

30.10., Köln, Gloria

31.10., Berlin, Heimathafen Neukölln

01.11., Hamburg, Mojo Club

02.11., Leipzig, Altes Landratsamt

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