Selbstironischer Streber

Fri, 25 Apr 2014 10:09:00 GMT von

Mit der Britpop-Band Blur und der virtuellen Comic-Gruppe Gorillaz spielte er sich international an die Spitzen der Charts, mit der Allstarband The Good, The Bad & The Queen setzte er ein musikalisches Ausrufezeichen, mit seinen Weltmusik-Projekten und Opern überzeugte er auch die skeptischsten Kritiker:

Damon Albarn ist ein Tausendsassa. Dieser Tage veröffentlicht der 46-jährige Brite nun sein erstes Soloalbum, das "Everyday Robots" heißt. Dem Anlass entsprechend lud er in sein Heiligtum ein: sein Studio im Londoner Stadtteil North Kensington. Albarn erweist sich im Gespräch als sympathischer Schelm und als selbstironischer Streber - im besten Sinne: Er ist ein Multitalent, das immer nach neuen Herausforderungen sucht.

Studiobesuch

"13" nennt er sein Studio, so wie das sechste Album von Blur. Man würde es hinter der schäbigen Hausfassade nicht vermuten. Innen trifft man dann auch zuerst auf Handwerker, die Renovierungsarbeiten verrichten. Dass hier ein umtriebiger Künstler haust, darauf deutet das Interieur hin: An der Wand hängt eine Mali-Landkarte und ein Foto von US-Soul-Künstler Bobby Womack, dessen letztes Studiowerk Albarn produzierte.

Kunterbunt

In einem Regal liegt zwischen unzähligen Büchern ein Saiteninstrument, das aus einem Ölkanister gemacht wurde. Die Oberfläche des Sofa-Tisches zeigt einen Ausschnitt des Streckennetzes der Londoner U-Bahn. Im dritten Stockwerk, wo der Musiker seine Gäste empfängt, steht mitten im Raum eine Tischtennisplatte. Durch die große Fensterfront kann man bis zu der vierspurigen Straße sehen, der Blur 2012 auf ihrer bisher letzten Single "Under The Westway" Tribut zollten.

Manchmal wird es magisch

Bei der Begrüßung wirkt Albarn, der lässig in hellblauer Stoffjacke und weiten Jeans gekleidet ist, fast ein wenig schüchtern. Passiert in diesen Räumlichkeiten die Magie? "An guten Tagen", antwortet er und stapelt damit tief angesichts des vielseitigen Backkatalogs, den er sich in den letzten Jahren erarbeitet hat. Seine Entwicklung vom Britpop-Posterboy zu einem von Kritikern gefeierten Allroundmusiker ist recht beeindruckend.

"Es ist doch schön, gemocht zu werden. Aber vielleicht war das ja alles nur ein Unfall", sagt er mit einem schelmischen Grinsen. "Ich selbst denke ja immer, dass ich ziemlich scheiße bin. Ich habe bei allem, was ich tue, das Gefühl: Herrje, ich könnte es so viel besser machen! Aber das macht es auch ziemlich spannend. Denn es bedeutet, dass ich immer nach etwas Besserem strebe."

Von Ehrgeiz getrieben

Folglich spricht er, obwohl sein Soloalbum zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal erschienen ist, bereits von anderen Ambitionen. "Ich will irgendwann eine wirklich großartige Oper schreiben. Das ist mir wichtig. Das ist der bohrende Ehrgeiz, den ich habe. Ich habe bisher nur geübt. Deshalb arbeite ich derzeit an meiner dritten Oper. Aber darüber darf ich noch gar nicht reden, sonst versau ich es." Dabei wartet die Musikwelt seit der Reunion von Blur vor sechs Jahren doch eher auf ein neues Band-Album.

Warum veröffentlicht Albarn ausgerechnet jetzt ein Solowerk? "Ich fand es meinem Alter eher angemessen, eine persönliche Platte zu machen. Vielleicht kommt noch mal der Punkt, an dem das Einzige, was ich auf dieser Welt tun möchte, eine Blur-Platte ist. Aber momentan steht das nicht superhoch auf meiner Prioritätenliste."

Zeit für eigene Wege

Abgesehen davon: Nach 25 Jahren im Musikbusiness war es für Albarn wohl einfach an der Zeit, den Alleingang zu wagen. "Ich war in einer Band, ich war ein Cartoon, ich musizierte mit vielen verschiedenen Leuten in Afrika und sonst wo auf der Welt. Das machte es mir nicht ganz einfach, Sololieder aufzunehmen", gibt er zu. Auf "Everyday Robots" kann man die Einflüsse der vielen Projekte heraushören, an denen Albarn beteiligt war: die Melancholie einiger Blur-Stücke, Beats wie bei den Gorillaz, weltmusikalische Einflüsse von seinen Afrika-Reisen. "Meine Lieder schreien nicht gerade nach den Charts", lautet Albarns Selbstanalyse. "Deshalb sind sie mir aber nicht minder wichtig."

Sehr persönliche Platte

Vor allem auch weil sein Solowerk - ganz klassisch - ein sehr persönliches Album ist. Zur Inspiration besuchte er die Orte seines Erwachsenwerdens. Dazu gehört das multikulturelle Leytonstone im Osten von London, wo er bis zum Alter von neun Jahren lebte. "Es wurde das Fenster zu anderen Kulturen für mich. Die Gerüche, die aus den Küchen kamen, die Leute, mit denen ich in der Schule war und die Musik, die aus den Kirchen drang, machten diese Stadt für mich aus."

Als die Familie in den kleinen Ort Aldham nahe Colchester in Essex umzog, wurde seine Welt auf den Kopf gestellt. "Ich fühlte mich wie ein Außenseiter. Alles war so konservativ. Ich spielte jeden Samstagmorgen Orgel im Gotteshaus, was sicherlich nicht das ist, was Teenager normalerweise tun. Aber Aldham hatte auch etwas sehr Englisches." All das macht der Sohn eines Londoner Künstlerehepaares verantwortlich dafür, dass er heute so ist wie er ist.

Beziehungseindrücke

Inzwischen ist Albarn selbst Vater und Partner, die Liebeslieder des Albums sind seiner Langzeitfreundin Suzi Winstanley gewidmet, die selbst Künstlerin und Malerin ist. "Wie bei jeder ernsthaften und beständigen Liebesaffäre hat unsere Beziehung über die Jahre große Freude, jede Menge Optimismus, aber auch Schmerz und Bedauern mit sich gebracht. Das alles ist in den Songs zu finden." Warum Albarn sie nach 15 Beziehungsjahren und der gemeinsamen Tochter Missy immer noch nicht geehelicht hat? "Sie will mich nicht heiraten!", sagt Albarn und lacht. "Wer würde das schon wollen? Aber für mich sind wir nach der langen Zeit sowieso ein Ehepaar."

Mehr Struktur

Seine Selbstironie hat sich der Blur-Frontmann bewahrt. Hat er sich denn sonst sehr verändert seit Britpop-Tagen? "Ich bin ein bisschen erwachsener geworden", findet er. "Mein Leben ist strukturierter: Ich habe ein Studio. Ich habe eine Familie. Ich habe eine Routine. Ich stehe gerne morgens auf, und ich mag meine Arbeit. Ich mag es, abends nach Hause zu kommen und einfach nur abzuhängen. Grundsätzlich bin ich immer noch dieselbe Person. Das hoffe ich jedenfalls. Ich habe nur ein paar Zähne verloren." Er lacht und verweist auf seinen Goldzahn in der Frontpartie.

Beim Rausgehen erzählt Albarn noch, wie sehr er sich auf die anstehende Tour freue. Bei den Konzerten will er nicht nur seine Solosongs, sondern auch Titel von Blur und den Gorillaz darbieten. Mit der Freude dürfte er ganz sicher nicht alleine dastehen.

Damon Albarn auf Deutschland-Tournee:

30.06., Berlin, Astra Kulturhaus

01.07., Hamburg, Große Freiheit 36

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