"So ein Hit kann schon passieren"

Wed, 04 Jun 2014 14:25:00 GMT von

Ganze zehn Jahre lang zog Mike Rosenberg unter dem Künstlernamen Passenger als Straßenmusiker durch die Lande, ohne dass die Weltöffentlichkeit groß Notiz von ihm genommen hätte.

Dann gab es diese eine Dreiviertelstunde in seinem Leben, die alles veränderte. 45 Minuten, in denen er ein Lied schrieb, das fortan um die Welt ging: "Let Her Go" - meistgespielter Song im deutschen Radio 2013, auf Platz eins in 16 Ländern. Eben jener Song ließ ihn beim amerikanischen Superbowl auftreten, bei sämtlichen wichtigen Festivals und in ausverkauften Hallen auf dem gesamten Globus spielen. Durch das Lied wurde auch sein Album "All The Little Lights" zum Erfolg, über 100.000 Exemplare setzte Rosenberg in Deutschland ab.

Nachfolgealbum: Whispers

Über den Nachfolger musste der 30-jährige Singer/Songwriter indes nicht lange grübeln: Den Großteil der Songs für sein neues Album "Whispers" hatte Rosenberg bereits vor seinem Durchbruch geschrieben, wie er im Interview erklärt. Zudem spricht der sympathische Brite über all den Wahnsinn des vergangenen Jahres, seine Definition von Erfolg und seine schlimmsten Straßenmusikmomente.

magistrix: Dank "Let Her Go" sind Sie binnen eines Jahres vom Straßenmusiker zum Nummer-eins-Künstler geworden. Was hat sich für Sie durch den plötzlichen Erfolg verändert?

Mike Rosenberg: Sagen wir es so: Viele Musiker verändern sehr viel, sobald sie erfolgreich werden - ihr Management, ihr Label, ihre Mitmusiker. Ich hingegen versuchte, alles so konstant wie möglich zu halten. Ich liebe die Leute, mit denen ich zusammenarbeite, viele sind über die Jahre zu guten Freunden geworden. Deswegen versuchte ich, so wenig wie möglich zu verändern.

magistrix: Aber die Frage ist ja: Geht das überhaupt?

Rosenberg: Natürlich verändert sich alles. Und es war ein komisches Gefühl, als dieser Moment der Veränderung einsetzte und ich nicht so recht wusste, was da gerade vor sich geht.

magistrix: Gab es eine spezielle Situation, in der Ihnen diese Veränderung bewusst wurde?

Rosenberg: Nein, das kam alles nach und nach. Plötzlich trat ich bei riesigen Festivals, in viel größeren Hallen und vor viel mehr Leuten auf. Als ich vor Kurzem in Amsterdam auf der Straße spielte, waren da 5.000 Leute! Das war Wahnsinn! Vor zwei Jahren spielte ich an derselben Stelle eine Woche lang jeden Tag - und da waren jedes Mal maximal 50 Leute da. (lacht)

magistrix: Die Frage ist auch, wie man nach so einem Erfolg weitermacht. Gab es Überlegungen, einen potenziellen Nachfolge-Hit zu "Let Her Go" zu schreiben?

Rosenberg: Nein. "Let Her Go" war einfach Glück. So ein Hit kann durchaus passieren - auch wenn ich es vorher nie für möglich gehalten hätte. Ich meine: Ich schreibe Folk-Musik. Ich bin Straßenmusiker. Und Hit-Singles, diese Songs, die um die Welt gehen, stammen normalerweise von Leuten wie Robin Thicke und Pharrell Williams. Sie werden von außergewöhnlichen Songwritern geschrieben, in den teuersten Studios der Welt produziert und von immensen Marketing-Maßnahmen und einem riesigen Video-Budget flankiert.

"Let Her Go" nahm ich vollkommen unspektakulär im Homestudio eines Freundes in Australien auf, das Video dazu kostete gerade mal 200 australische Dollar. Der Song war also überhaupt nicht darauf angelegt, ein solcher Hit zu werden. Und nun gibt es eben zwei Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen. Du kannst dich entweder selbst unter Druck setzen und krampfhaft versuchen, den nächsten Hit zu schreiben. Oder du kannst es genießen und ...

magistrix: ... es einfach laufen zu lassen. "Let It Go" sozusagen.

Rosenberg: Genau! (lacht) Und wie geil ist es denn bitte, seinen Enkeln später von dieser tollen Zeit erzählen zu können? Ich hatte dieses unglaubliche Jahr, das mich in sämtliche Ecken der Welt führte - nur wegen dieses einen Songs. Ich spielte bei Festivals, auf denen mehrere tausend Leute den Text mitsangen. Das fühlt sich manchmal immer noch unwirklich an. Aber es macht mich auch wahnsinnig glücklich.

magistrix: Können Sie sich noch an die Situation erinnern, als Sie "Let Her Go" geschrieben haben?

Rosenberg: Ja. Ich saß backstage, bei einem kleinen Auftritt in Australien - ich glaube, ich spielte da vor 30 oder 40 Leuten. Und als ich da saß und Gitarre spielte, kam mir plötzlich dieses Riff in den Sinn. Den Song schrieb ich dann binnen 45 Minuten.

magistrix: Im Ernst?

Rosenberg: Ja. Verrückt, oder? Zehn Jahre machst du diesen Scheiß, und dann sind es bloß 45 Minuten, die plötzlich alles verändern.

magistrix: Das ist wirklich ungewöhnlich ...

Rosenberg: Ich denke auch oft: Was, wenn ich stattdessen lieber ein Bier trinken gegangen wäre? Wenn ich in diesem einen Moment nicht da gesessen hätte, um das einzufangen? Dann wären die Dinge definitiv anders gelaufen.

magistrix: Ruhm und Geld scheinen Ihnen nicht sonderlich viel zu bedeuten. Wie lautet Ihre persönliche Definition von Erfolg?

Rosenberg: Meinen größten Erfolg hatte ich, als ich vor ein paar Jahren meinen Küchenjob an den Nagel hängen und von der Musik leben konnte. Als ich nicht mehr 40 oder 50 Stunden in der Woche einer Tätigkeit nachgehen musste, die ich nicht leiden konnte. Wenn ich auf der Straße spielte, kam ich mir vor wie der glücklichste Mensch auf Erden - das allein fühlte sich nach Erfolg an.

magistrix: Klingt nachvollziehbar ...

Rosenberg: Ich finde es aber ohnehin viel wichtiger, als Mensch erfolgreich zu sein, statt als Musiker. Wenn du viel Geld durch die Musik verdienst, dadurch aber zum Arschloch mutierst, hast du am Ende mehr verloren als gewonnen.

magistrix: Sie sagten mal, Geld wäre stets am sinnvollsten angelegt, wenn man damit reist. Sie reisen berufsbedingt aber sowieso - wofür geben Sie also Ihr Geld aus?

Rosenberg: Ich finde es auf jeden Fall albern, eine Menge Geld zu verdienen, und es dann nicht auszugeben. Das macht in meinen Augen keinen Sinn. Ich lade daher gerne Freunde zum Essen ein oder fliege mal mit meiner Freundin in den Urlaub. Aber ich gebe die Kohle nicht für Dinge aus, die ich eigentlich gar nicht haben will. Jahrelang war ich bloß mit einem Koffer unterwegs - darin fünf Shirts, zwei Paar Schuhe und drei Hosen. Und das war toll, denn viel mehr braucht man eigentlich nicht.

magistrix: Also leisteten Sie sich gar nichts von Ihrem Geld?

Rosenberg: Doch, ein Haus. Das war die einzige große Investition, die ich tätigte. Nach fünf Jahren ohne festen Wohnsitz war das nötig - denn ständig nur auf irgendwelchen Sofas bei Freunden oder in Hostels zu übernachten, das geht irgendwann an die Nieren. Jetzt besitze ich ein schönes Haus in meiner Heimatstadt Brighton, nahe am Meer. Und seit ich das habe, geht es mir viel besser. Es beruhigt mich zu wissen, dass ich ein Zuhause habe, an dem ich diesen ganzen Wahnsinn mal in Ruhe verarbeiten kann.

magistrix: Wie viele Wochen waren Sie in diesem Jahr schon zu Hause?

Rosenberg: Zwei vielleicht. (lacht) Aber je weniger ich da bin, desto mehr genieße ich es dann eben auch. Außerdem: Das Haus bleibt mir ja noch mein ganzes Leben. Das läuft nicht weg. Ich versuche stattdessen, den Moment auszukosten. Und wissen Sie, was mein nächstes großes Ziel ist? Kein nächster großer Hit. Ich möchte stattdessen, dass die Leute, wenn sie mich sehen, nicht mehr rufen: "Hey, das ist doch der 'Let Her Go'-Typ!", sondern dass sie sagen: "Hey, das ist doch Passenger!"

magistrix: Sind Sie denn enttäuscht, wenn die Leute Ihren Namen nicht kennen?

Rosenberg: Nein, nicht wirklich. Aber ich würde gerne als ernstzunehmender Künstler wahrgenommen werden und nicht als der Typ mit dem einen großen Hit. Um ehrlich zu sein: Ich finde es super, dass ich nicht überall erkannt werde und noch ein normales Leben führen kann.

magistrix: Können Sie sich noch an Ihren ersten Auftritt auf der Straße erinnern?

Rosenberg: Ja. Damals war ich 14 und brauchte noch Geld für Weihnachtsgeschenke. Ich stand vor der Wahl: entweder Straßenmusik oder Zeitungen austragen.

magistrix: Und? Bekamen Sie genug Geld zusammen?

Rosenberg: Ja! Aber ich war echt schlecht. Aber hey: Ich war erst 14, und das war mein erster Auftritt. (lacht)

magistrix: Wie kam es dann, dass Sie regelmäßig auf der Straße spielten?

Rosenberg: Ich versuchte es einfach mal an einem Wochenende in meiner Heimatstadt Brighton. Damals ging es mir nicht besonders gut, weil sich meine Band gerade aufgelöst, ich mich von meiner Freundin getrennt und ich überhaupt keine Kohle hatte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Aber ich machte es einfach und verdiente an einem Wochenende so viel wie sonst binnen einer Woche in der Küche. Und nicht nur das: Die Leute hörten mir zu. Dadurch habe ich buchstäblich neues Leben geatmet. Mein Selbstvertrauen kam zurück. Das war ein Moment, der mein Leben veränderte.

magistrix: Inzwischen müssen Sie die Leute ja sogar auf der Straße erkennen. Die 5.000 Leute in Amsterdam wären sonst vermutlich nicht da gewesen ...

Rosenberg: Klar, viele Leute erkennen mich an meinem Gesang. Aber ich kündige die Gigs auch immer 24 Stunden vorher auf meiner Facebook-Seite und Twitter an - wir starten also häufig bereits mit 300 oder 400 Leuten. Aber letztlich gibt es immer Leute, die da sind, weil sie mich erkennen und Leuten, die nur kommen, weil so viele andere schon da sind und denken: "Oh, der muss gut sein!" Aber es war auch früher schon so: Sobald erst mal zehn Leute da sind, kommen auch mehr. Und wenn der erste eine CD kauft, kaufen auch die anderen. Das ist psychologisch hochinteressant.

magistrix: Trotzdem wird Ihre Musik nicht jedem gefallen. Kommen manchmal auch Leute zu Ihnen, die möchten, dass Sie aufhören zu spielen?

Rosenberg: Sehr selten. Aber du triffst auf die unterschiedlichsten Menschen, die nicht alle erfreut sind über deine Musik. Und mit der Art von Musik, die ich spiele, mache ich mich zudem sehr verwundbar. Sie ist sehr ehrlich, da gibt es eben nur mich und die Gitarre. Und die Leute reagieren unterschiedlich darauf, manchmal auch negativ. Ich bin bereits beleidigt, festgenommen und beklaut worden. Und es gibt immer jemanden, der seinen Ärger an dir auslassen will.

magistrix: Wie reagieren Sie dann?

Rosenberg: I try to kill them with kindness - ich versuche sie mit größtmöglicher Freundlichkeit in die Knie zu zwingen. (lacht) Und meistens gelingt das auch. Wenn du total höflich bist, fällt es den Leuten schwer, dich zu attackieren. Zumal die in der Regel ja nicht auf dich sauer sind, sondern auf sich selbst.

Passenger auf Deutschland-Tournee:

04.10., Frankfurt, Jahrhunderthalle

09.10., Hamburg, Sporthalle

19.10., Berlin, Columbiahalle

21.10., Köln, Palladium

26.10., München, Zenith

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