Von einem, der auszog

Wed, 20 Aug 2014 13:57:00 GMT von

Ein Neuling in der hiesigen HipHop-Szene ist Olson nicht. Der gebürtige Westfale hat bereits einige Jahre als Rapper auf dem Buckel - zu Beginn seiner Karriere allerdings noch unter dem Namen Olson Rough.

Den zweiten Teil seines HipHop-Alter-Egos hat er sinnigerweise aber mittlerweile abgelegt, denn zur musikalischen Ausrichtung des Wahl-Berliners passt der Namenszusatz längst nicht mehr. Schließlich lässt der Endzwanziger heute nicht mehr den "Rudeboy" raushängen wie noch auf seinem ersten Tape. Vielmehr beschreibt Olson auf seinem ersten richtigen Album einen Teil seines kürzlich zurückgelegten Lebensweges. Wie "Ballonherz" (VÖ: 29.08.) nun klinge, sei dabei "natürlich ganz anders als in der Vorstellung, die ich mit 14 davon hatte", erzählt er im Interview. Denn für die Entstehung seines Debüts musste Olson erst einmal raus.

magistrix: Sie grenzen sich mit Ihrem Debüt von Ihren bisherigen Veröffentlichungen ab, was impliziert, dass Ihnen zuvor etwas fehlte. Was war das konkret?

Olson: Meine Möglichkeiten waren früher einfach begrenzt. Ich komme aus einem kleinen Dorf, in dem zehn Leute gerappt haben - neun davon allerdings nur zu Hause in ihrer Küche - und der zehnte war dann ich. Ich wollte das immer schon machen, aber es gab bei mir niemanden, der produzieren konnte - zumindest nicht meinen Ansprüchen genügend.

magistrix: Was unternahmen Sie?

Olson: Ich nutzte irgendwann das Internet und kaufte mir Beats über Myspace. Doch wenn ein Beat 150 Euro kostete und ich zehn Songs machen wollte, war das damals eine Menge Kohle für mich. Hinzu kam: Ich hatte niemanden, bei dem ich aufnehmen konnte. Irgendwann wurde mir der Manager eines Logistik-Unternehmens vorgestellt, der HipHop-Roots hatte und mich nach Feierabend in seiner Besenkammer aufnehmen ließ.

magistrix: Haben Sie mit den neun Leuten von früher noch Kontakt?

Olson: Vereinzelt. Aber rappen tut von denen niemand mehr.

magistrix: Kriegen die mit, was Sie heute machen?

Olson: Einer von denen ist mein bester Freund, ihm schickte ich auch immer die Demo-Versionen der Songs. Der hätte übrigens nie gedacht, dass ich mal professionell Musik machen würde. Aber auch die anderen finden es cool, dass ich dran geblieben bin. Früher sagten die immer zu mir: Wenn du es schaffst, dann zieh uns mal alle mit.

magistrix: Das heißt, spätestens in einem halben Jahr stehen die bei Ihnen auf der Matte und fordern das ein.

Olson: Ja, schon möglich. (lacht)

magistrix: Sie kommen ursprünglich aus Kaarst, einer Kleinstadt in der Nähe von Düsseldorf. Wie viele Einwohner hat die?

Olson: Meine Heimat ist quasi ein Dorf in einer Kleinstadt. Das Dorf hat zwischen 5.000 und 7.000 Einwohnern und Kaarst etwa 40.000. Aber ich sage immer: Das Beste, was man da machen kann, ist die S-Bahn nach Düsseldorf zu nehmen. Die Fahrt dauert bloß 20 Minuten - man ist also nicht komplett ab vom Schuss.

magistrix: Spiegelt der Song "Mein kleines Hollywood" authentisch Ihren Kleinstadt-Background wider oder ist das aufpoliert?

Olson: Das spiegelt mein Leben durchaus wider, aber ich benutze auch das Stilmittel der Überzeichnung, um bestimmte Dinge griffiger zu machen. Ich sage an einer Stelle zum Beispiel was von "Popcorn-Resten auf der Rückbank des Autos, die beim Fummeln stören" - da weiß ich nicht, ob es das tatsächlich mal gab. Aber das ist eben ein Bild, das hängen bleibt.

magistrix: Dieses Rauswollen aus der Provinz ist ein Thema, das in Ihren Songs häufig durchscheint. Hatten Sie diesen Drang immer schon?

Olson: Ja. Schon als Zehnjähriger wollte ich in die nächstgrößere Stadt, um mir das mal anzusehen. Aber meine Eltern haben mir das damals natürlich verboten. Ich wollte auch als Kind nie schlafen gehen, weil ich Angst hatte, etwas zu verpassen. Ich wollte nicht in meinem Bett liegen, während die ganze Welt Spaß hat und etwas erlebt.

magistrix: Woher kommt das?

Olson: Ich bin einfach nicht der Typ, der brav zu Hause sitzen und auf seine Doppelhaushälfte sparen will. Hinzu kommt: Ich beschäftigte mich schon früh mit HipHop. Ich war zehn, als ich meine erste Wu-Tang-Platte hatte, und dann ging es direkt weiter mit Deutschrap, wo die Leute mir eben ständig erzählten, was in den Städten so los ist: in Stuttgart, in Hamburg, in Berlin. Und ich saß in meinem kleinen Dorf und starrte bloß auf den Acker.

magistrix: Und dann fingen Sie an, selbst zu rappen ...

Olson: Ja, aber ich wusste gar nicht, worüber ich eigentlich sprechen soll - bei mir auf dem Dorf ist ja nichts passiert. Deshalb wollte ich mit eigenen Augen sehen, von was die da auf den Platten so reden.

magistrix: HipHop war also immer schon Ihr Fenster zur Welt, aber Sie wollten eine Tür daraus machen.

Olson: Das trifft es auf den Punkt.

magistrix: Was missfällt Ihnen an der Kleinstadt?

Olson: Das ist einfach so ein Gefühl, ich will das gar nicht verteufeln. Da leben ja Leute, die ich sehr gern habe, und wenn ich da bin, fühle ich mich auch sehr wohl. Aber mir persönlich sind die Möglichkeiten dort zu beschränkt: essen gehen, Bars, Cafés, Kneipen - da geht einfach nichts. Die klappen da abends um zehn die Bordsteine hoch und dann ist Feierabend.

magistrix: Ein Song wie "Mein kleines Hollywood", die Single "James Dean" ... Sie bedienen sich stark bei Bildern aus Hollywood-Filmen. Welche prägten Sie denn besonders?

Olson: Das waren vor allem Kinderfilme wie "Richie Rich", "Kevin - Allein zu Haus" und "Dennis". Ich liebe einfach diese Kleinigkeiten, die für jeden Amerikaner vollkommen normal sind, die wir aber eben nur aus Filmen kennen: Feuerleitern an Hauswänden, nachfüllbare Drinks in Burger-Läden oder diese American Diners, obwohl die letztlich bloß aus ein paar Polstermöbeln, einer Theke und ein paar Leuchtreklamen bestehen. Das sind vollkommen normale Dinge, die ich bloß deshalb so krass finde, weil ich sie als Kind mal im Fernsehen sah.

magistrix: Mit "James Dean" spielen Sie mit dem Mythos der Hollywood-Legende. Hatte er denn tatsächlich Einfluss auf Sie? Immerhin ist er bereits seit fast 60 Jahren tot ...

Olson: Nein. In dem Song huldige ich ihm ja auch nicht. Aber ich mag das Bild von ihm, sein Image: dieser coole, rauchende Typ mit perfekt sitzendem Haar, der aus der Vorstadt nach Hollywood zog, um dort berühmt zu werden. Da habe ich auch gewisse Parallelen zu mir gesehen. Auch ich saß lange bloß rum, bekam nichts auf die Kette, verfeierte mein Leben und Talent, hatte keine Erfolgserlebnisse und war eigentlich ein ziemlicher Loser. Trotzdem legte ich großen Wert darauf, dass meine Haare gut sitzen, machte mir eine Kippe an, ging auf die Straße und tat dort so, als wäre ich der coolste Mensch der Welt - wie James Dean eben.

magistrix: Hat denn jemand mal gesagt, dass Sie ihn an James Dean erinnern?

Olson: Nein. Aber mir wurde letztens zweimal gesagt, ich sähe aus wie Robin Thicke - da war ich richtig sauer! (lacht)

magistrix: Aber das ist doch ein ganz gut aussehender Typ. Ein bisschen glatt vielleicht.

Olson: Ja, eben - der sieht aus wie ein Versicherungsvertreter! (lacht)

Olson auf Deutschland-Tournee:

29.10., Frankfurt, Zoom

30.10., München, Muffatcafé

31.10., Stuttgart, Club Zentral

01.11., Köln, Underground

13.11., Berlin, Magnet

15.11., Kiel, Orange Club

16.11., Rostock, Zwischenbau

20.11., Osnabrück, Kleine Freiheit

21.11., Münster, Skaters Palace

22.11., Hannover, Musikzentrum

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