"Wir sind manchmal unerträglich"

Sat, 31 Jan 2015 07:46:00 GMT von

Man könne sich "von Porky die Schultern massieren lassen". Auch ein "Deichkind-Redeschwall" steht zur Auswahl bereit.

Gereon Klug, so etwas wie Deichkinds Bandmanager, präsentiert am Eingang einer zweistöckigen Münchener Hotel-Suite ein gutes Dutzend eingeschweißter Kärtchen mit solchen Aufschriften, die die Art des Interviews zum Album-Release von "Niveau weshalb warum" vorgeben sollen. Schließlich macht "Überraschungs-Interview: Alles kann passieren" das Rennen. Und die Elektro-Rap-Punks halten mit der Freude darüber nicht hinterm Berg: "Hättest Du Bock, mit uns mal was Spannendes zu erleben und 'ne Runde 'Bbbäääämmmm' zu spielen?", fragt Bühnen-Regisseur Henning "La Perla" Besser. Dabei handele es sich um ein selbstkreiertes Brettspiel. Fragen dürfe man den frischgebackenen Label-Inhabern aber auch stellen. Ein Protokoll zu einem etwas ungewöhnlichen, "deichkindischen", aber dann doch durchaus ernsthaften Interview.

Bbbäääämmmm und ein bisschen aufgeregt

Im ersten Stockwerk des Zimmers haben es sich die Deichkinder in Abwesenheit von Rapper Ferris Hilton gemütlich gemacht. La Perla liegt quer auf dem Kanapee, Sebastian "Porky" Dürre flätzt tief in einem Sessel. Nur Philipp Grütering alias Kryptik Joe wirkt nervös. In seinem knallig-bunten Pullover läuft er ständig auf und ab: "Mann, 'Bbbäääämmmm'. Ich bin ein bisschen aufgeregt", gibt er zu. Auf dem Boden liegt ein gut ein Quadratmeter großes Papier-Spielfeld, bedruckt mit beschriebenen Flächen und Partybildern der Band. Als Spielfiguren werden gefüllte Sektgläser ausgemacht, die Klug samt Schaumwein die Treppe hochschleppt. Es ist noch Vormittag. Während der vor lauter Euphorie aus dem Kanapee aufgesprungene La Perla Spielkarten austeilt, bittet er um die erste Frage. "Eben, der muss ja am Ende auch was abliefern und nicht nur hier Sekt mit uns saufen", pflichtet ihm Porky bei.

magistrix: Ihr lauft im Video zu "So 'ne Musik" in einer Kunstgalerie umher. Ist dies das Deichkind-Niveau, auf das der Album-Titel "Niveau weshalb warum" anspielt?

Porky: Das ist ein richtiger Ice-Breaker.

La Perla: Darf ich darauf antworten?

Kryptik Joe: Ja, mach du mal!

La Perla: Also ich glaube, Deichkind sind schon immer eine Band gewesen, die Forschungsarbeit leistet. Unser Forschungsgebiet ist der schmale Grat zwischen Hoch- und Popkultur. Wir versuchen, nicht abzustürzen von diesem Grat. Das passiert aber regelmäßig.

Kryptik Joe: Wo hört Hochkultur auf, wo fängt Popkultur an? Diese Frage zerlegen Deichkind gerne mal.

La Perla: Wir wollen die Leute begeistern, aber auch reizen. Wir bewegen uns gerne jenseits von dem, was Leute erhoffen oder erwarten. Das ist auch das, was viele große Künstler in der Vergangenheit als Anspruch hatten. Die Hamburger Kunsthalle steht quasi dafür.

Kryptik Joe: Es geht um diese Brücke zwischen Kunst und Kommerz. Ich sage natürlich, ich mache das, was ich für richtig halte und was ich künstlerisch ausdrücken will. Aber im Hinterkopf denke ich auch darüber nach: Wie können wir die Hallen füllen? Wenn man sich aber nur auf diese Frage konzentriert, trocknet man aus.

Der Heftigste darf anfangen

La Perla unterbricht den Kollegen. Das Brettspiel warte. Wie die drei Hamburger klarmachen, ist es auch für sie das erste Mal. "In den Regeln steht, dass der Heftigste anfängt. Aber wir wollen keinen Streit losbrechen. Freiwillige vor!", übernimmt der Mann für die Bühnenshow die Spielleitung. Kryptik Joe meldet sich freiwillig. Seine erste Karte besagt, er müsse fünf Felder nach vorne ziehen. Dabei kommt er über das Aktionsfeld "Nimm einen großen Schluck", was ohne Nachfrage passiert. "Ohrfeigenwelle von links nach rechts. Nur Du bleibst verschont", liest er auf dem Spielfeld ab. Gelächter und Vorfreude scheinen gleich groß zu sein. Das Ohrfeigen fällt aber respektvoll verhalten aus. "Dann die nächste Frage", fordert La Perla.

magistrix: Diese Angst, zu kommerziell zu sein, wann wäre die berechtigt?

Kryptik Joe: Ist schon längst passiert. Man muss aber auch wissen, dass "Sell-Out" und Kommerz nicht dasselbe sind. Wenn man nur noch ausquetscht, ist das was anderes, als wenn man einen Traum von Erfolg hat und der Früchte trägt.

magistrix: Von "Sell-Out" seid Ihr also noch weit entfernt?

Kryptik Joe: Was ist "Sell-Out"? Erst, wenn der Traum vergessen wird und tot ist. Deichkind wird es nicht mehr geben, wenn wir "Sell-Out" werden. Dafür sind wir viel zu lebendige Typen.

Porky: Ich könnte das gar nicht. Da mach' ich lieber was anderes. Aber wir wollen auch keinen ausgrenzen. Warum soll die "Muddi" aus der Bäckerei am Wochenende nicht "Bück dich hoch" grölen? Darf das nur der coole Hipster? Wenn das doch alle geil finden, warum sollen wir uns dagegenstellen?

La Perla: Man kann Erfolg ja nicht steuern. Wie bei "Leider geil". Das sind Dynamiken, die man nicht vorhersehen kann. Künstler wollen immer eine Resonanz, zum Nachdenken anregen oder Freude verbreiten. Aber ob das klappt? Wir für unseren Teil hätten aber nichts anderes gemacht, wenn der große Erfolg ausgeblieben wäre. Vor 300 Leuten spielen war auch geil.

magistrix: Und wie merkt man, wo die Grenzen liegen?

Kryptik Joe: Es gibt bei mir solche Phasen, in denen ich mich frage: "Mache ich das nun nur weiter, weil ich da jetzt drinstecke?" Der Gedanke auszusteigen, weil mir das alles zu kommerziell wird, ist immer wieder da. Aber die meiste Zeit weiß ich eben, dass ich genau das mache, was ich gerne mache, und das dies meine Kunst ist.

La Perla bestimmt wer ein "Opfer" wird

Wiederum ruft La Perla dazu auf, weiterzuspielen. Er selbst ist an der Reihe. Laut seiner Karte dürfe er ein "Opfer" bestimmen, das eins, zwei oder drei Felder vorrücken muss. In kindlicher Vorfreude lehnt La Perla sich über das Spielfeld und verpflichtet Porky dazu, zwei Züge zu machen. Nach einem "Großer-Schluck-Feld" liest Porky vor: "Stöhne einen unechten Orgasmus, bis die anderen auch Bock haben". Porky lässt sich wieder in seinen Sessel fallen und stößt zwei laute Brunftschreie aus. Mit einem "Ich hab' richtig Bock" bestätigt ihm Kollege Kryptik Joe den Erfolg.

magistrix: Der Liedtitel "Leider Geil" setzte sich in der deutschen Alltagssprache fest, "Remmidemmi" stammt aus der Mottenkiste. Sind solche Wort-Spielereien Euer Anspruch?

Kryptik Joe: Das ist schon ein sehr wichtiger Aspekt bei Deichkind. Wir schauen erst mal, welche Themen wir ansprechen wollen. Nur Saufsongs gehen zwar ruckizucki, sind uns aber zu wenig. Wir suchen nach einem Thema und denken uns dann gewisse Zeilen oder Claims dazu aus, die das dann umschreiben. Und das Problem ist dann, daraus einen Dreieinhalb-Minuten-Song zu machen. Bei manchen Claims gelingt uns das auch mal nicht.

magistrix: Es besteht also durchaus ein Bewusstsein, dass Ihr mit Sprache arbeitet.

Porky: Total. Wir haben immer genügend Beats parat. Aber das dann zusammenzuführen, ist die Herausforderung. Das ist wohl Talent. Und dranbleiben muss man. Ich brauche da immer wieder einen Tritt in den Hintern, sonst würde das nichts werden. So kommen bei mir Sachen raus, da würde ich nie draufkommen (lacht).

Blindes Gefummel gehört auch zum Spiel

Der Fragensteller ist nun an der Reihe. "Lass-Opfer-Machen-Karte, Powered by your Emotion" steht auf der Karte. Mit La Perla wird ein "Opfer" ausgemacht, das sieben Felder vorrücken muss - ein Schluck Sekt inklusive. "Bbbäääämmmm" verdammt ihn dazu, mit verbundenen Augen einen seiner Mitspieler zu erraten. Um es ihm möglichst schwer zu machen, werden Brillen ausgetauscht, Kryptik Joe setzt sich eine Mütze auf, Porky macht einen schiefen Buckel. Doch La Perla lässt sich nicht beirren und erkennt nach ein wenig Herumtasten Kryptik Joe richtig. "Es ist echt unheimlich, da im Blinden herumzufummeln. Ich will nicht wissen, was manch einer in gewissen Zuständen entgegenhält", bringt das "Opfer" den Raum zum Lachen. Um die nächste Frage wird gebeten.

magistrix: Ebenfalls im Video zu "So 'ne Musik" springt Ihr mit Smartphone-Anzügen zwischen alten Ghettoblastern umher. Im Lied "Like mich am Arsch" sprecht Ihr Euch gegen soziale Medien aus. Wie steht Ihr dem Thema Technik und soziale Medien gegenüber?

La Perla: Wie gesagt sind wir ein Forschungsprojekt, bei dem es keine Vorurteile geben darf. So ist für die Bühne so einiges Neues ein Segen. Aber Technik ist eben auch Horror. Sie bringt einen von sich selbst ab. Da läuft manchmal das ganze Leben an einem vorbei. Dieser Zwist macht das Thema einfach super interessant für Deichkind.

Kryptik Joe: Ich weiß noch, wie das mit den Handys anfing.

Porky: Du warst der Erste, den ich mit Handy gesehen habe.

Kryptik Joe: Ja, und deshalb war ich total der Snob. Bei Facebook dagegen weigerte ich mich lange. Aber irgendwann hängen alle an der Nadel. Diese Auseinandersetzung ist eben interessant. Wie man das alles an sich ranlässt oder nicht.

Nun ist Porky dran. Er darf ebenfalls ein "Opfer" bestimmen. Die Wahl fällt auf den Fragensteller. La Perla, abermals freudig über das Spielfeld gebeugt, lacht schallend los: "Er muss sich unbeliebt machen", liest er vor.

magistrix: Wenn ich ehrlich bin, kann ich mit Deichkind gar nichts anfangen.

La Perla: Endlich traut sich mal einer!

Kryptik Joe: Witzigerweise machst Du Dich damit nicht unbeliebt. Kann man ja auch irgendwie verstehen (lacht).

La Perla: Ehrlich gesagt ist das auch ein Teil davon, warum ich die Band selbst so gerne mag.

magistrix: Weil sie die Gemüter spaltet?

La Perla: Genau. Und weil ich selbst nicht mit allem einverstanden bin. Es gibt Momente für uns alle, in denen man einfach nur aussteigen will, weil es richtig anstrengend wird.

Kryptik Joe: Und wie. Da kann ich nur zustimmen.

La Perla: Aber an dem Ort, an dem es weh tut, wird es für den Künstler erst spannend. Ich liebe das. Wenn ich als Bühnen-Regisseur deren Musik nach eineinhalb Jahren Studioarbeit höre und eine Show daraus entwickeln soll, dann zwingt mich das, darüber nachzudenken. Es geht darum, die Musik mit der Bühnenshow zu kommentieren oder auch ein Gegengewicht zu schaffen, sie umzudeuten, zu bestätigen oder zu verstärken. Aber ich finde beileibe nicht alles gut.

Kryptik Joe: Für den Zuhörer und Zuschauer sind wir halt streckenweise unerträglich. Manchmal wird auch Kunst gegen den Konsumenten gerichtet.

La Perla: Ich finde aber nicht, dass wir das absichtlich tun. Wir zeigen keinem offen den Mittelfinger. Wir begeben uns selbst in Situationen, die man unangenehm findet. Aber nicht so, dass es uns egal wäre. Ich begreife uns als Entertainer, als Unterhaltungstruppe. Es geht um 'ne gute Zeit und Inspiration. Aber jeder empfindet das anders.

Kryptik Joe: Wir wollen lieber überraschen als schockieren, glaube ich.

Porky: Schocker sind wir nicht, stimmt.

La Perla: Aber ich will selber auch überrascht sein.

magistrix: Und das klappt noch, wenn man lange auf Tour ist und ständig dieselben Lieder spielt?

La Perla: Absolut. Wenn man mit Leuten wie Porky oder Kryptik Joe unterwegs ist, dann ist die Überraschung vorprogrammiert. Wir machen alle unsere Dinge ganz anders. Sich darauf einzulassen, macht es toll und bereichert uns selbst.

magistrix: Ist das dann die Kunst hinter Deichkind?

La Perla: Ich glaube, diese Begegnungen zu kanalisieren und in etwas zu transformieren, macht es zu Kunst, ja.

Manager Klug kommt abermals die Treppe hochgestiegen. Die Zeit sei vorüber, eine letzte Frage aber noch gestattet. Ob man nun eine Klage von Siri zu befürchten hätte, da Deichkind die Apple-Computer-Stimme im Lied "Die Welt ist fertig" singen lassen: "Kann passieren. Unser Anwalt sagt: 'Fünfzig-Fünfzig-Chance'", antwortet La Perla recht unbeeindruckt - und traurig, dass die "Bbbäääämmmm"-Partie schon vorüber ist.

Deichkind auf Deutschland-Tournee:
08.04., Lingen, EmslandArena
09.04., Münster, Halle Münsterland
10.04., Düsseldorf, Mitsubishi Electric Hall
11.04., Dortmund, Westfalenhalle
13.04., Saarbrücken, Saarlandhalle
14.04., Hannover, Swiss Life hall
15.04., Karlsruhe, Schwarzwaldhalle
16.04., Neu-Ulm, Ratiopharm Arena
18.04., Frankfurt, Jahrhunderthalle
19.04., Freiburg, Zäpfle Club in der Rothaus Arena
21.04., Augsburg, Kongress Park
25.04., Würzburg, S. Oliver Arena
26.04., München, Zenith
28.04., Berlin, Max-Schmeling-Halle
29.04., Flensburg, Flens-Arena
30.04., Aurich, Sparkassen-Arena
01.05., Hamburg, O2 World

 

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