Alben wie diese

Wed, 28 Oct 2015 13:37:00 GMT von

Schon die Fakten klingen spannend. Treffpunkt: ein Berliner Hotel. Gesprächspartner: einer der größten Rockstars der Nation. Themen: Sergei Prokofjew und Kurt Weill, Arnold Schönberg und ja, irgendwann auch Die Toten Hosen.

Diese absolvierten 2013 drei Konzerte zu Ehren der 1938 im Rahmen einer Ausstellung als "Entartete Musik" denunzierten Kunst. Ein Mitschnitt erscheint nun als Doppel-CD (VÖ 30.10.). Nicht minder interessant ist die zweite Veröffentlichung, über die an diesem Nachmittag gesprochen wird: Eine Neueinspielung von Prokofjews "Peter und der Wolf", inklusive begleitender App und vorangestellter Geschichte (VÖ 13.11.). Hosen-Frontmann Campino (53) ist der Erzähler. Und er erzählt gerne. Auch über Generationenkonflikte, persönliche Lieblingsmusik und die Geisteshaltung des Punkrock.

magistrix: Hatten Sie als kleiner Junge Angst vor Wölfen?

Campino: Der Wolf war in meiner Vorstellung ein gefährliches Tier. Aber ich wurde schnell von meinen Geschwistern und den Eltern aufgeklärt, dass es Wölfe bei uns nicht mehr gibt. Ich hatte also keine schlaflosen Nächte, weil ich dachte, in Düsseldorf laufen Wölfe rum. Schade, dass in den Märchen hierzulande der Wolf meist als gemeines Geschöpf dargestellt wird. Dabei ist er durchaus edel. Es ist ein Familientier mit ausgeprägtem Sozialverhalten.

magistrix: Haben Sie als Kind "Peter und der Wolf" gehört?

Campino: Ja. Ich fand die Geschichte toll. Damals habe ich auch zwischen Erzähler und Musik nicht differenziert. Für mich passte das alles. Ich mochte jeden Ton. Und selbst die Schule konnte mir den Spaß an dem Stück nicht austreiben.

magistrix: Klaus Maria Brandauer sprach einmal von Ihnen als "Sohn aus gutem Hause". Kam der Kontakt mit dem Stück über ihre Eltern zustande?

Campino: Nein, sondern über die Nachbarskinder. Aber es war eine Geschichte, die auch meine Mutter, die Sängerin im Düsseldorfer Chor war, absolut mochte. In unserem Haus wurde klassische Musik geliebt. Weniger von meinem Vater, der hielt es eher mit der Marschmusik. Aber meine Schwester ist zum Beispiel Balletttänzerin geworden, unter John Neumeier und Marcia Haydée. Heute hat sie ihre eigene Ballettschule. Insofern gab es zuhause viele Berührungspunkte mit der Klassik.

magistrix: Ein gestandener Punkrocker wendet sich der Klassik zu, während immer mehr Kinder ihre Eltern mit zu Rockkonzerten nehmen. Findet hier ein Paradigmenwechsel statt?

Campino: Ich glaube, wir haben uns davon entfernt, einen Generationenkonflikt heraufzubeschwören, der in dieser Form vielleicht gar nicht mehr vorhanden ist. Zu meiner Jugendzeit hat man sich über die Rockmusik noch vom Elternhaus abgegrenzt. Das findet heute an anderen Fronten statt.

magistrix: Ist das auch bei Ihnen und ihrem Sohn der Fall?

Campino: Mein Junge ist elf und extremer HipHop-Fan. Er hört Dr. Dre und schaut sich im Kino "Straight Outta Compton" an. Aber das geschieht nicht, um gegen mich Front zu machen. Er hat da einen eigenen Bereich, aber das ist völlig gesund. In der Musik existiert keine klare Abgrenzungslinie mehr. Es gibt auch nichts mehr, mit dem man schocken kann, was Fluchwörter oder die Verkommenheit der Sprache angeht. Das ist doch alles schon da gewesen.

magistrix: Es gibt eine Rockversion von "Peter und der Wolf", auch David Bowie und Sting sind bereits in die Erzählerrolle geschlüpft. Warum übt das Stück solch eine Faszination auf die Rockmusik aus?

Campino: Das Magische ist, dass fast alle Kinder in ähnlicher Weise davon ergriffen wurden und werden. Die Musik ist sehr "hittig", sehr zugänglich. Und die Geschichte als solches besitzt nichts Schleimiges oder auf den ersten Blick pädagogisch Wertvolles. Ich glaube, deshalb können sich alle darauf einigen. Gerade darum genoss "Peter und der Wolf" auch in den 80-ern einen unheimlichen Coolness-Faktor.

magistrix: Ein Name wie Prokofjew ist bei uns diesbezüglich auch weniger assoziativ vorbelastet als beispielsweise Beethoven oder Wagner.

Campino: Darüber hab ich noch nie nachgedacht. Aber ja, das stimmt. Außerdem ist dieser Peter in gewisser Weise auch ein Außenseiter, lebt für sich in seiner Welt. Er ist anders als die andern. Und das sind in meinen Augen irgendwie auch Rock'n'Roll-Gefühle.

magistrix: Für die Neuauflage wurde der Geschichte eine Art Prolog spendiert, ein eigener Teil, der in der Jetztzeit spielt und zum eigentlichen Stück hinführt. Wie stehen Sie dazu?

Campino: Ich finde diese Rahmenhandlung angemessen. Anfangs war meine Angst: "Hoffentlich verletzen wir die Würde des Stückes nicht". Denn oftmals verlieren Stoffe von ihrer ursprünglichen Magie, wenn sie modernisiert werden. Über die zusätzliche Musik und die Zeichnungen begriff ich jedoch, dass hier mit viel Liebe und Leidenschaft gearbeitet wurde. Wir halten das Original in Ehren und schaffen trotzdem eine Komponente für die Kinder von heute, die mit iPad und Computer groß werden. Mit der App werden sie da mit hineingenommen. Für mich ist das alles schlüssig, und ich gehe davon aus, dass wir den Originalstoff nicht verschandelt haben.

magistrix: Alice Cooper ist der Sprecher der englischen Version. Hatten Sie mit ihm diesbezüglich Kontakt?

Campino: Tatsächlich wurde das versucht, es hat allerdings terminlich noch nicht hingehauen. Ich selber war in meiner Jugend totaler Alice-Cooper-Fan. "Killer" war eines meiner ersten Lieblingsalben, die ich mir von meinem eigenen Geld kaufte. Ich mochte ihn immer gerne, auch wenn er über lange Jahre abgetaucht war. Bei den Punks wurde er im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern immer respektiert. Cooper ging immer durch, so wie Slade auch immer in Ordnung waren. Die hat niemand verhöhnt. Die waren cool. Ich war glücklich zu hören, dass Alice Cooper die englische Version spricht.

magistrix: Die Brücke von "Peter und der Wolf in Hollywood" zur sogenannten "Entarteten Musik" und dem Projekt "Willkommen in Deutschland" bildet das Wörtchen "Crossover". Es gibt keine E- und U-Musik bei Ihnen, richtig?

Campino: Die Begriffe benutze ich nicht, nein. Ich bin bemüht, solche Schubladen nicht für mich als Wertung zu nehmen. Mich spricht Musik entweder an oder eben nicht. Ich habe Lieblingsalben von Arvo Pärt genauso wie von Reggae- oder Ska-Bands, im Bereich der elektronischen Musik wie im Rock'n'Roll.

magistrix: Die musikalische Bandbreite des Mitschnitts ist beeindruckend.

Campino: Thomas Leander (Prorektor der Robert-Schumann-Hochschule und Initiator des Konzerts, Anm. d. Red) und ich stellten die Stücke gemeinsam zusammen. Wir waren zeitlich sehr limitiert, zudem war das ganze Unterfangen ein riesiges Abenteuer. Die Brecht/Weill-Stücke habe ich vorgeschlagen, weil ich wusste: Das ist für mich sicheres Terrain. Aber es gab auch andere Herausforderungen. Die Comedian Harmonists zum Beispiel. "Ich muss heute singen" ist ein geniales Stück, aber es hat mich Nerven gekostet. Weil es technisch sehr anspruchsvoll ist, mit drei Sängern, die alle klassisch voll ausgebildet sind, so etwas zu singen. Das soll klingen wie aus dem Ärmel geschüttelt, aber jeder Ton ist genau aufeinander abgestimmt. Wenn du nur einen Fehler machst, geraten alle miteinander in Schieflage.

magistrix: Gab es ein Stück, bei dem Sie kämpfen mussten, um einen Zugang zu finden?

Campino: Nicht kämpfen, um einen Zugang zu finden. Aber kämpfen, um es hinzubekommen. Den "Survivor from Warsaw" von Arnold Schönberg wollte ich am Anfang nicht sprechen. Ich meinte zu Thomas: "Es ist anmaßend, wenn ich das mache. Ich bin kein Jude und fühle mich nicht wohl, in dieser Konstellation in eine solche Rolle zu schlüpfen. Als könnte ich dieses Leid nachempfinden." Er aber erwiderte: "Das ist das Kernstück des Abends. Du musst das bringen. Ich verspreche dir, es wird in Ordnung. Ich lasse dich nicht fallen." Also gingen wir es an und übten sehr intensiv. Mit dem tollen Dirigenten Rüdiger Bohn, der niemals in irgendeiner Weise mit uns Toten Hosen überheblich umgegangen ist.

magistrix: Wie klappte die Zusammenarbeit?

Campino: Im Orchester spricht man ja eine andere Sprache als bei uns. Abgesehen vom Notenlesen und dem Taktstock geht es ja bei der Pünktlichkeit schon los. Bei 120 Mann kann sich keiner noch mal eben ein Marmeladenbrot holen. Die haben wie verabredet dazusitzen. Da muss man erst einmal einen gemeinsamen Umgang miteinander finden.

magistrix: Und so manchen musikalischen Beitrag muss der Hörer erst einmal verdauen. Egal, von welcher Seite er kommt.

Campino: Ja, diese Zusammenstellung ist eine sperrige Angelegenheit. Ich weiß nicht, ob sich das viele Leute an einem Stück anhören werden. Allerdings geht es darum auch gar nicht. Für mich ist das Projekt aus anderen Gründen wasserdicht: "Entartete Musik" war ursprünglich eine in Düsseldorf gezeigte Ausstellung, die Premiere jährte sich zum 75. Mal, und wir sind eine Düsseldorfer Band. Die Auswahl der Stücke haben wir gemeinsam mit der Musikhochschule erstellt. Wir konnten auch eigene Lieder einbringen, die uns aus der Seele sprechen, ohne den Abend ins Kippen zu bringen, zum Beispiel "Europa" oder unsere Interpretationen der Gedichte von Hermann Hesse ("Im Nebel") und Erich Kästner ("Stimmen aus dem Massengrab").

magistrix: Gibt es Momente, die Ihnen besonders unter die Haut gingen?

Campino: Sehr viele sogar. Zum Beispiel die Klezmer-Musik, bei der nur eine Klarinette und ein Klavier aufeinandertreffen. Ich glaube, das ist meine absolute Lieblingsstelle auf dem ganzen Album. Eine Musik, die mich zu Tränen rührt, einfach nur durch den Klang und die Sensibilität der Interpretation. Immer, wenn ich konnte, war ich bei den Proben der beiden anwesend. Ich habe mich in diese Musik verliebt.

magistrix: Haben Sie sich Gedanken darüber gemacht, wie solch ein außergewöhnlicher Konzertmitschnitt ankommen wird?

Campino: Sagen wir es so: Ein normales Toten-Hosen-Album ist mit wesentlich mehr Unsicherheit verbunden. Ich würde meine Zweifel haben: "Will uns noch jemand hören? Kommt das noch gut an?" Solche Fragen gibt es diesmal nicht. Ich bin mir selten so sicher gewesen, dass eine Veröffentlichung richtig und wichtig ist. Aber klar, es wird viele Tote-Hosen-Fans geben, die sagen: "Nichts gegen die Jungs, aber diese Runde lass' ich aus". Aber vielleicht wird es auch den ein oder anderen Menschen geben, der mit uns sonst gar nichts anfangen kann, aber dieses Mal findet: "Das ist eine schöne Sache."

magistrix: Geschichtsinteressierte, zum Beispiel ...

Campino: Man kann sich der CD auf vielen Arten nähern. Wir fanden es interessant, einen gewissen Bereich der Geschichte anzuleuchten, der uns historisch gesehen immense Verluste brachte. Auch kulturell. Was damals für fantastische Werke wegen dieser menschenverachtenden Ideologie einfach auf die Müllkippe geworfen oder verbrannt wurden. Das war ein Desaster. Ich behaupte, dass wir auch kulturell noch heute darunter leiden.

magistrix: "Willkommen in Deutschland" ist also mehr als "nur" Musik.

Campino: Absolut. Es geht um das Gesamtkonzept und was dahintersteckt. Es ging uns nie darum, kommerziellen Gewinn zu machen. Was übrig bleibt, geht an Stipendien für talentierte Musiker. Das besitzt für mich im Rahmen dieses Projektes eine Schlüssigkeit. "Entartete Musik" war ein Exzess von Zerstörungswut. Wenn wir nun mit diesen Geldern junge Talente dazu bringen können, ihren musikalischen Weg zu gehen, dann macht mich das zufrieden.

magistrix: Künstler wie Kurt Weill oder Hanns Eisler waren zu ihrer Zeit Querdenker. Vielleicht sogar auf ihre eigene Weise Punks?

Campino: Ein bisschen sprechen Sie mir da aus der Seele. Aber das ist meine ganz private Meinung, die ich öffentlich eigentlich auch nicht vertreten will. Jeder Mensch darf eine eigene Vorstellung davon haben, was Punkrock eigentlich sein soll oder nicht. Letztendlich wurde dieser Begriff am treffendsten als ein Label für Musik in einem gewissen Zeitabschnitt verwendet. Aber im Grunde gab es solche Querdenker und Geister schon immer. Bei diesem Gedanken fällt mir ein: Es war immer ein Traum von mir, die revolutionärsten deutschen Texte der letzten 200 bis 300 Jahre zu vertonen.

magistrix: Woran hapert's?

Campino: Letztendlich schafften wir es bisher nicht, den Staub der Zeit aus diesen Zeilen zu klopfen. Ich glaube aber immer noch, dass das eine tolle Sache werden könnte: Denn manche dieser Texte haben heute noch eine Aktualität, die den Menschen einfach in die Fresse haut. Die grundsätzlichen Themen bleiben eh immer dieselben: die Liebe, der Hass, die Ausbeutung der Armen und so weiter. Brecht steht auch heute noch mit jedem frechen Texter auf Augenhöhe. Man nehme nur einmal die "Zuhälter-Ballade". Das ist doch heute auch noch ein unverschämtes Ding, einfach genial. Hier geht's zu Fotostrecke.

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1 Kommentare

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11. November, 13:41 Uhr
von htu

:)

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